Gefährlicher Durchbruch im Donbass

Nikolay Mitrokhin, 30.4.2024

Russlands Krieg gegen die Ukraine – die 113. Kriegswoche

Russlands Armee hat in der letzten April-Woche 2024 nach monatelangen verlustreichen Angriffen auf die ukrainischen Verteidigungsstellungen erstmals die Frontlinie durchstoßen. Die ukrainischen Streitkräfte sind an dieser Stelle nördlich von Avdijivka in höchster Not, es droht eine örtliche Einkesselung oder ein rascher Vorstoß der Okkupationstruppen um bis zu 20 Kilometer. Während der massive Einsatz von Drohnen die Kriegsführung an der Front stark verändert hat, setzen zugleich beide Seiten den Luftkrieg mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Infrastruktureinrichtungen des Gegners im rückwärtigen Raum fort. Die Lieferung westlicher Luftabwehrsysteme an die Ukraine bleibt weit hinter dem Notwendigen zurück. Ein Angriff auf die Krimbrücke ist jedoch mit der Lieferung von ATACMS-Raketen mit großer Reichweite aus den USA näher gerückt.

Russlands Okkupationstruppen haben in der 113. Kriegswoche nördlich von Avdijivka die ukrainischen Verteidigungsstellungen durchbrochen. Am 19. April stieß die 15. motorisierte Schützendivision entlang eines Bahndamms 2,5 Kilometer bis in die Ortschaft Očeretine vor. Zuvor war bei der 115. mechanisierten Brigade der ukrainischen Armee eine Rotation missglückt. Für einige Tage gelang es der Ukraine, die Lage durch Herbeiführung der 47. mechanisierten Brigade bei einem neuen Frontverlauf mitten durch die Siedlung zu stabilisieren. In dieser Zeit zogen die russländischen Truppen jedoch Verstärkung nach und begannen von den bei dem Durchbruch eroberten Anhöhen die umliegenden Siedlungen anzugreifen.

Am 25. April eroberten die Besatzungstruppen die beiden südlich von Očeretine gelegenen Ortschaften Novobachmutivka und Solovjove und gelangten damit in den Rücken der ukrainischen Verbände, die seit einem Monat am Ostufer des Flusses Durna die Stellung im westlichen Teil des Ortes Berdyči halten. Um einer drohenden Einkesselung zu entgehen, gaben die unter Beschuss liegenden ukrainischen Truppen am 26. April die südwestlich von Berdyči am Westufer der Durna gelegene Siedlung Semenivka auf, am Folgetag dann Berdyči selbst sowie die nördlich des Durchbruchs gelegene große Ortschaft Novokalynove.

Dies bedeutet, dass die Okkupationstruppen weiter in südwestliche Richtung vorrücken können, um die Befestigungsstellungen abzuschneiden, welche die ukrainische Armee nach dem Fall von Avdijivka entlang des Flusses Durna errichtet hat. Dann wäre der Weg frei zu den großen Siedlungen am Fluss Vovčja, wo es bislang offenbar keine Verteidigungsstellungen gibt. Möglicherweise rücken die russländischen Truppen auch von Očeretine und Novokalinovo nach Norden vor sowie – nach einer vollständigen Einnahme von Očeretine – in Richtung Westen.

Wenn Russland starke mechanisierte Verbände in das entstandene Loch in der ukrainischen Verteidigungslinie führen kann, wird es der ukrainischen Armee sehr schwer fallen, die durchgestoßenen Truppen abzuschneiden. Dies würde es der Besatzungsarmee erlauben, ohne größere Hindernisse 10–15 Kilometer nach Westen vorzustoßen. Gerade ein solcher Vorstoß würde es der ukrainischen Armee aber auch erlauben, dem Gegner große Verluste zuzufügen, denn sie versteht es sehr gut, aus der beweglichen Verteidigung heraus große Kolonnen anzugreifen.

Neben dem gefährlichen Durchbruch bei Očeretine sind die Probleme der ukrainischen Armee in der 113. Kriegswoche auch an anderen Stellen im Donbass gewachsen. 25 Kilometer südlich davon sind die russländischen Truppen nach Angaben aus eigenen Reihen in Krasnohorivka auf das Gelände einer großen Fabrik vorgedrungen, die eine wichtige ukrainische Verteidigungsstellung darstellte. Gelingt hier ein weiterer Vorstoß, würde dies die gesamte ukrainische Verteidigung im Raum Vuhledar gefährden. Fällt Krasnohorivka, könnte die Besatzungsarmee nicht mehr nur wie bislang über einen engen Korridor auf die Siedlung Novomichajlovka vorrücken, sondern auf breiter Front.

Auch im Norden der Front hat sich die Lage östlich von Kupjans’k verschärft. Dort mussten die ukrainischen Truppen offenbar die Ortschaft Kyslivka aufgeben und sich ins benachbarte Kotljarivka zurückziehen. Gelingt den russländischen Truppen hier ein Durchbruch, können sie die Verbindung von Lyman nach Kupjans’k auf einer Strecke von rund zehn Kilometern abschneiden. Allerdings gibt es hier offenbar noch eine zweite ukrainische Verteidigungslinie.

Wie schwierig die Lage der Ukraine auch bei der Luftverteidigung ist, hatten am Tag vor dem Durchbruch Raketenangriffe auf Bahnanlagen in Smila südlich von Čerkasy, in Balaklija südöstlich von Charkiv und bei Udačnyj im Gebiet Donec’k gezeigt. Möglicherweise haben diese Attacken die Verlegung von Reserven an die gefährdeten Frontabschnitte erschwert.

Der Oberkommandierende der ukrainischen Armee Syrs’kyj sprach bei einem Treffen mit dem Präsidenten und dem Verteidigungsminister von einer „schwierigen strategisch-operativen Lage mit Tendenz zur weiteren Verschärfung.“

Der Luftkrieg

Russland und die Ukraine greifen nahezu jede Nacht Ziele des Gegners aus der Luft an. In der 113. Kriegswoche starteten beide Seiten – zufällig oder in einer Art Schlagabtausch – ihren größten Angriff in der Nacht zum 27. April. Russland feuerte neun Marschflugkörper (Ch-101 und Ch-555), neun Luft-Boden-Raketen (Ch-59 und Ch-69), zwei umgerüstete Flugabwehrraketen S-300, zwei ballistische Iskander-K-Raketen, vier ballistische Raketen vom Typ Kinžal und vier vom Typ Kalibr in Richtung Ukraine. Von diesen 34 Flugkörpern konnte die Ukraine 21 abfangen. Die übrigen schlugen in vier Kohlekraftwerken ein: in Dnipro, Kryvyj Rih, in Burštyn nördlich von Ivano-Frankivs’k und in Dobrotvir nördlich von Lemberg. Die entstandenen Schäden haben offenbar nicht zu einem Ausfall der Kraftwerke geführt.

Fast zeitgleich mit diesen Angriffen führte die Ukraine den größten Drohnenangriff auf das Gebiet Krasnodar seit Kriegsbeginn. Die meisten Flugobjekte wurden abgefangen, in der Raffinerie in Slavjansk-na-Kubani ging jedoch eine Anlage zur Primärverarbeitung von Rohöl in Flammen auf. Auf dem Flugfeld von Kuščevska wurden Gebäude zerstört. Unklar ist, ob auch eines der Kampfflugzeuge beschädigt wurde, die dort in größerer Anzahl standen. Bereits drei Tage zuvor hatten ukrainische Drohnen Schäden an einer Traktorenfabrik in Lipeck verursacht, wo auch Fahrgestelle für schweres Militärgerät hergestellt werden, ein Öllager in Smolensk in Brand gesteckt und ein Feuer in einer Raffinerie in Voronež ausgelöst.

Der Drohnenkrieg an der Front

Der Einsatz von Drohnen aller Art hat die Kriegsführung an der Front massiv verändert. Davon zeugt die von westlichen Agenturen verbreitete Nachricht, dass die Ukraine die von den USA zur Verfügung gestellten Abrams-Panzer aus dem unmittelbaren Kampfgebiet abziehen würde – auch wenn diese Meldung von der 47. mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte umgehend dementiert wurde. Die Drohnen haben erheblichen Einfluss auf Strategie und Taktik der Kriegsführung. Da permanent Aufklärungsdrohnen in der Luft über dem Kampfgebiet stehen, werden Panzer sofort aufgespürt und können danach binnen 30 Minuten zum Ziel von Artilleriebeschuss werden. Dies erschwert den Panzereinsatz erheblich und reduziert ihre Bedeutung. Sollten die Abrams-Panzer nicht zurückgezogen worden sein, so möglicherweise deshalb, weil sie trotz der hohen Verlustgefahr dringend zur Stabilisierung des Durchbruchs bei Očeretine benötigt wurden. Andere Drohnen tragen Sprengkörper und können mit der eingebauten Kamera über Fernsteuerung in Schützengräben, Häuser und Keller gelenkt werden. Die ukrainische Vampire-Drohne – im Frontjargon „Baba Jaga“ – kann einen Sprengkopf von 15 Kilogramm tragen. Viele Drohnen haben eine Reichweite von 15-20 Kilometern, einige auch von bis zu 30 Kilometern. Manche Drohnen werden von kleinen Mavic-Aufklärungsdrohnen begleitet und an ihr Ziel gelenkt. Für die ukrainische Seite ist dieser Drohneneinsatz vor allem ein Mittel, um mit dem eklatanten Mangel an Artilleriemunition umzugehen. Als Reaktionen auf die Omnipräsenz von Drohnen haben die russländischen Truppen eine hangarartige Schutzvorrichtung aus Metallplatten entwickelt, die Schützenpanzer gegen Drohnen sichern soll. Sie wurde erstmals Anfang April bei Krasnohorivka gesichtet und hat sich seitdem verbreitet. Diese „Panzerscheune“ – auch „Schildkröte“ (čerepacha) genannt – kann den Turm nicht mehr drehen, bringt jedoch Infanteristen relativ sicher an den Einsatzpunkt.

Russlands militärisch-industrieller Komplex hat im Rüstungswettlauf mitgezogen und neben Flugdrohnen auch ferngesteuerte Granatwerfer entwickelt. Dies führt dazu, dass gelegentlich bereits ein realer Drohnenkrieg stattfindet, bei dem mit Flugdrohnen Jagd auf ebensolches Gerät des Gegners gemacht wird oder Drohnen aus der Luft ferngesteuerte Kleinfahrzeuge am Boden bekämpfen.

Westliche Militärhilfe für die Ukraine

Nach der Entscheidung des US-Kongresses über ein neues Hilfspaket für die Ukraine haben in der vierten Aprilwoche eine Reihe weiterer Staaten bekanntgegeben, dass sie ebenfalls neue Finanzmittel für die Ukraine zur Verfügung stellen. Australien, Großbritannien, Kanada sowie Spanien und die Schweiz haben dies angekündigt. Es sieht so aus, als habe das 60-Milliarden-Paket der USA die Türen für eine längst vorbereitete Unterstützung geöffnet, die nun mit dem Segen des wichtigsten NATO-Staats verkündet wurde.

Aus den USA wird die Ukraine, wie nun bekannt geworden ist, in einem ersten Paket vor allem Luftabwehrraketen, Panzerabwehrraketen und Minen gegen vorrückende Infanterie erhalten. Das zweite Paket soll Raketen für die F-16-Kampfjets enthalten. Ebenfalls sollen neue Patriot-Luftabwehrsysteme bestellt werden. Jedoch eben nur bestellt. Eine Lieferung vorhandener Systeme haben die USA nicht versprochen. Und auch bei der Lieferung aus europäischen Staaten ist die Lage schlecht. Alleine das von Deutschland zugesagte System wird in nicht allzu ferner Zukunft in die Ukraine gelangen. Griechenland hat hingegen jetzt sehr klar ausgeschlossen, eins der zwölf vorhandenen Patriot-Systeme abzugeben. Spanien hat ebenfalls erklärt, dass das in der Türkei an der Grenze zu Syrien stationierte System dort bleiben wird. Etwas Hoffnung besteht für die Ukraine noch, dass die Niederlande sich zur Übergabe von einem der vier Patriot-Systeme entscheiden.

Zu berücksichtigen ist allerdings, dass dies nur die Informationen für die Öffentlichkeit sind. Was tatsächlich geschieht, wird möglicherweise erst bekanntgegeben, wenn die Lieferung abgeschlossen ist. So war es im Fall der von den USA an die Ukraine übergebenen ATACMS-Raketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern. Diese wird Kiew mit großer Wahrscheinlichkeit für einen Angriff auf das begehrteste aller Ziele verwenden: die Krim-Brücke. Am 28. April hat die Ukraine bereits mit Drohnen in Džankoj und auf der Halbinsel Tarchankut russländische Luftabwehrstellungen angegriffen. Die Zerstörung zumindest eines Teils dieser S-300- und S-400-Systeme ist die Voraussetzung für einen erfolgreichen Angriff auf die über die Meerenge von Kerč führende wichtige Versorgungslinie der russländischen Armee.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Dieser Lagebericht stützt sich auf die vergleichende Auswertung Dutzender Quellen zu jedem der dargestellten Ereignisse. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter die des Kriegsberichterstatters der Komsomol’skaja Pravda Aleksandr Koc (https://t.me/sashakots) sowie des Novorossija-Bloggers „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonelcassad.livejournal.com/).

Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.

Die Vielzahl der abzugleichenden Quellen wäre ohne Hilfe nicht zu bewältigen. Dem Autor arbeiten drei Beobachter des Kriegsgeschehens zu, die für Beratung in militärtechnischen Fragen, Faktencheck und Sichtung russisch- und ukrainischsprachiger Publikationen aus dem liberalen Spektrum zuständig sind und dem Autor Hinweise auf Primärquellen zusenden.

Die jahrelange wissenschaftliche Arbeit zu den ukrainischen Regionen sowie zahlreiche Reisen in das heutige Kriegsgebiet erlauben dem Autor, auf der Basis von Erfahrungen und Ortskenntnissen den Wahrheitsgehalt und die Relevanz von Meldungen in den sozialen Medien einzuschätzen.