Das Ich und die MachtSkizzen zum Homo heroicus und Homo sovieticus
Editorial | 3Das Ich und das Rätsel der Herrschaft
Eveline Passet | 17Im Zerrspiegel der GeschichteDeutsche Bilder von Ilja Ehrenburg
Dietmar Neutatz | 49Identifikation und SinnstiftungIntegrative Elemente in der Sowjetunion
Boris Dubin | 65Gesellschaft der AngepasstenDie Brezhnev-Ära und ihre Aktualität
Thomas M. Bohn | 79„Resistenz“ und „Eigensinn“ in MinskWiderständiges Verhalten in der Sowjetunion
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Rainer Karlsch | 117Stalin, der Bluff und die BombeVerwirrspiel um den ersten sowjetischen Atomtest
- Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
- Das Ich und die Macht. Skizzen zum Homo heroicus und Homo sovieticus
- 176 Seiten, 31, z. T. farb. Abb.
- Berlin (BWV) 2007
[ = Osteuropa 12/2007]
- Preis: 15,00 €
- ISBN 978-3-8305-1254-7
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EditorialDas Ich und das Rätsel der HerrschaftDas Ich des denkenden und handelnden Subjekts hatte es schwer in Osteuropa. Das alte Russland ruhte auf dem Fundament der Unterordnung der niederen Ränge gegenüber den höheren, der unteren Schichten gegenüber den oberen. Das Individuum war eingeklemmt in Subordinationsketten – in Gefolgschaften, Rangtabellen und in der Armee. Bauern waren gefesselt in Leibeigenschaft und wurden aus bürokratisch-steuerlichen Zwecken zu anonymen „Seelen“ degradiert.
Ein guter Indikator für die Stellung und Wahrnehmung des Einzelnen ist die bildende Kunst. Es bedurfte erst der Rebellion einiger Absolventen der Petersburger kaiserlichen Akademie der Künste gegen die überlebten Kunstauffassungen und Praktiken, ehe das Individuum jenseits des Herrscherportraits in den Blickpunkt rückte. Es waren die Künstler um Ivan Kramskoj, die als Peredvižniki (Wanderer) in die Kunstgeschichte eingehen sollten, die dem amorphen Volk individuelle Züge verliehen. Selbst auf seinen vermeintlichen Heldendarstellungen „Suvorov und seine Truppen überqueren die Alpen“ (1899) und „Die Bojarin Morozova“ (1887), die in diesem Heft abgebildet sind, galt Vasilij Surikovs Aufmerksamkeit dem individuellen Ich der Vielen: Surikov malte die Menge um die Bojarin nach Gesichtern von in Moskau lebenden Altgläubigen. Er gab dem Spannungsverhältnis von Held und Volk Ausdruck. Da geht es um Wünsche und Sehnsüchte, Identitätsstiftung und individuelles Verhalten, Orientierung und Erinnerung, Projektion und Integration.
Auch wenn Heiko Haumann in diesem Heft das Thema am Material des späten 18. und 19. Jahrhunderts entwickelt, handelt es sich nicht ausschließlich um ein historisches Phänomen. Es ist bis heute aktuell und betrifft die Grundlagen der Macht. Im Zentrum steht das ewige Rätsel der Herrschaft: Wie funktioniert sie? Warum ordnen sich die vielen Menschen den wenigen unter? Wann sind die vielen gehorsam und bereit, Befehlen zu folgen? Was bewegt den einzelnen Menschen, sein Ich zu suspendieren und zum Teil der Masse zu werden, selbst um den Preis, dass es auf Dauer deformiert oder gar – wie das Titelfoto aus der Spätphase der Brežnev-Periode eindrücklich demonstriert – nivelliert und pulversiert wird? Diese Fragen stellen sich gerade demjenigen, der verstehen will, was Diktaturen und autoritäre Herrschaft zusammenhält. Es sind nicht allein der Terror, der Zwang und die Unterdrückung. Was aber dann?
Am Beispiel der Sowjetunion nach Stalins Tod zeigt sich, dass die Einbindung und Folgebereitschaft des Homo sovieticus durch Anpassung und Gewohnheit, durch die integrative Kraft des Siegs im Großen Vaterländischen Krieg und die suggerierte Teilhabe am technischen Fortschritt der „Großmacht UdSSR“ erreicht wurden. In Russlands kollektiver Erinnerung ist die Raumfahrt mit Jurij Gagarin als „Held unserer Zeit“ dafür das unumstrittene Symbol. Wie aktuell diese Mechanismen sind, Identität und Integration zu stiften, demonstriert Boris Dubin mit seiner luziden Ableitung aus der Analyse der Brežnev-Periode: Vladimir Putin und den anderen Epigonen des Goldenen Zeitalters des Brežnevismus ist es gelungen, die Gegenwart mit dem Vorgestrigen zu versöhnen. Und der Preis? Das Ich des denkenden und handelnden Subjekts hat es nicht leicht in diesem Geist der Zeit.
Manfred Sapper, Volker Weichsel 


Heiko Haumann„Held“ und „Volk“ in OsteuropaEine Annäherung„Helden“ dienen der Orientierung und Identifikation. Sie drücken Wünsche und Sehnsüchte des „Volkes“ aus, das sich über sie definiert. Zugleich werden sie je nach Zeitumständen und Interessen in unterschiedlicher Weise für den kollektiven Erinnerungsbestand konstruiert, um individuelles Verhalten zu beeinflussen. Der Zusammenhang von „Held“ und „Volk“ hat etwas mit Befreiung, Hoffnung und Erinnerung zu tun. Auffällig ist in Osteuropa die häufige Popularität gescheiterter, leidender und doch stolzer „Helden“. 


Eveline PassetIm Zerrspiegel der GeschichteDeutsche Bilder von Ilja EhrenburgLeben und Werk des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg spiegeln die großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Dies zeigt sich auch in seiner Rezeption in West- und Ostdeutschland. In der Bundesrepublik gehörte die Diskussion über Ehrenburg zu der großen Debatte der 1960er Jahre über die Schuld der Kriegsgeneration. Den Rechtsextremen war er ein Deutschenhasser und manchem Moskaukritiker ein Erfüllungsgehilfe Stalins. In der DDR gehörte die Auseinandersetzung um die Veröffentlichung seiner Memoiren zu der großen Debatte um die Entstalinisierung und Humanisierung des Sozialismus, die nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 begann. Für die SED-Oberen war dieses Werk lange untragbar, weil es ihnen ästhetisch und inhaltlich von subversiver Sprengkraft erschien. Ehrenburgs geistiger Tonus war den kontrollwahnbesessenen Apparaten, die allzeit Zugriff auf das Innenleben der Menschen haben wollten, gefährlich. 


Dietmar NeutatzIdentifikation und SinnstiftungIntegrative Elemente in der SowjetunionIn der stalinistischen Diktatur und im poststalinistischen Sowjetsystem waren neben den bekannten disziplinierenden und repressiven auch integrative Faktoren präsent. Dazu gehörten die forcierte Industrialisierung, der „Große Vaterländische Krieg“ und der technische Fortschritt, der sich symbolisch in der Raumfahrt verdichtete, sowie der bessere Lebensstandard und die Stabilität in der Brežnev-Zeit. Während die Industrialisierung als integrativer Faktor überschätzt wurde, haben der Krieg und die Raumfahrt bis heute einen hohen Stellenwert in der kollektiven Erinnerung und spielen eine zentrale Rolle in der patriotischen Sinnstiftung im heutigen Russland. 


Boris DubinGesellschaft der AngepasstenDie Brežnev-Ära und ihre AktualitätAnpassung und Gewohnheit, Fragmentierung und Nivellierung sind Merkmale des spätsowjetischen Alltags. Die Brežnev-Ära bot den Menschen mehr, als das sowjetische System ihnen je geboten hatte: vor allem Stabilität. Die Gesellschaft bezahlte dies mit Deformationen: mit Doppeldenken, Doppelbödigkeit und Vertrauensverlust, mit ausbleibender Differenzierung und Modernisierung. Die Restauration unter Putin knüpft an das „Goldene Zeitalter“ des Brežnevismus an. Politik und Kultur greifen auf das Gewohnte zurück und rufen das Gefühl der „Stabilität“ hervor – das Schlüsselwort der gegenwärtigen Epoche. 


Thomas M. Bohn„Resistenz“ und „Eigensinn“ in MinskWiderständiges Verhalten in der SowjetunionDie Sowjetunionforschung verortet Nonkonformismus zwischen intellektuellem Dissens, kirchlichen Gegenwelten und traditionellen Werthaltungen. Allgemein herrscht die Auffassung, dass sich Bewusstsein und Verhalten im öffentlichen Raum und in der Privatsphäre unterscheiden. Um widerständiges Verhalten der „kleinen Leute“ kategorisieren zu können, sind die Begriffe „Resistenz“ und „Eigensinn“ nützlich, welche die NS- und die DDR-Forschung mit Gewinn angewandt haben. Das zeigt die Analyse des Verhaltens illegaler Siedler, betrogener Mieter und einer pfingstchristlichen Gemeinde in Minsk nach Stalins Tod. „Resistenz“ und „Eigensinn“ sind Formen, sich der offiziellen Ordnung zu entziehen und abzuweichen, was nicht zwangsläufig politisch motiviert war. 


Ilshat Gimadeev, Jan PlamperTatarstan: Mythos um Musa Džalil’Projektionsfläche für IdentitätMusa Džalil’ kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Soldat der wolgatatarischen Kriegsgefangenenlegion Idel’-Ural auf deutscher Seite, bis er Mitglied einer Untergrundgruppe wurde. 1944 wurde er in Plötzensee hingerichtet. Ab 1953 wurde Džalil’ zum Nationaldichter Tatarstans erhoben und zu einer mythischen Figur, in der sich tatarische Geschichte und Identität spiegeln: Durch ihn konnten die Tataren den kollektiven Kollaborationsverdacht abstreifen und als tatarische und als vollwertige sowjetische Bürger leben. Heute wird sein Mythos islamisiert und tatarisiert. Jeweils geht es um die Konstruktion von Identität und die gesellschaftliche und politische Integration. 


Rainer KarlschStalin, der Bluff und die BombeVerwirrspiel um den ersten sowjetischen AtomtestAm 11. Juli 1949 präsentierte Stalin einer chinesischen Delegation unter Leitung von Liu Shaochi in Moskau einen „Atomfilm“. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte die Sowjetunion noch gar keinen Atomtest durchgeführt. Es gibt Gründe anzunehmen, dass Stalin die Chinesen mit einem in Deutschland erbeuteten Film täuschte, um militärische Stärke zu demonstrieren und die Vormachtstellung der Sowjetunion in der kommunistischen Welt zu unterstreichen. 

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