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Machtmosaik ZentralasienTraditionen, Restriktionen, Aspirationen
Wege in die Moderne
Bert Fragner | 27Hochkulturen und SteppenreicheDer Kulturraum Zentralasien
Annette Krämer | 53Islam in ZentralasienBlüte, Unterdrückung, Instrumentalisierung
Uwe Halbach | 77Das Erbe der SowjetunionKontinuitäten und Brüche in Zentralasien
Ingeborg Baldauf | 99Tradition, Revolution, AdaptionDie kulturelle Sowjetisierung Zentralasiens
Pfade der Herrschaft
Paul Georg Geiß | 155Andere Wege in die ModerneRecht und Verwaltung in Zentralasien
Beate Eschment | 175Elitenrekrutierung in KasachstanNationalität, Klan, Region, Generation
Gunda Wiegmann | 225Staatsversagen in TadschikistanLokales Regieren nach dem Bürgerkrieg
Matteo Fumagalli | 237Usbekische ZwickmühleStaatsnationalismus und Auslandsusbeken
Roy Allison | 245Blockaden und Anreize
Autoritarismus und regionale Kooperation
Drehkreuz der Großmächte
Anna Matveeva | 277Traditionen, Kalküle, FunktionenRusslands Rückkehr nach Zentralasien
Eugene B. Rumer | 295Peripherie, Zentrum, ProblemfallDie Zentralasienpolitik der USA
Andrea Schmitz | 327Interessen, Instrumente, EinflussgrenzenDie Europäische Union und Zentralasien
Nicole Jackson | 357Sicherheitskooperation in ZentralasienGegen Drogenhandel und Terrorismus
Gernot Erler | 369Erfahrung und InteresseDas EU-Engagement in Zentralasien
Imke Dierßen | 377Ohne KonsequenzMenschenrechtspolitik gegenüber Usbekistan
Bernd Kuzmits | 417Grenzüberschreitende KooperationAfghanistan und seine nördlichen Nachbarn
Felder der Politik
Roland Götz | 449Mythos DiversifizierungEuropa und das Erdgas des Kaspiraums
Kirsten Westphal | 463Wettlauf um EnergieressourcenMarkt und Macht in Zentralasien
Jenniver Sehring | 497Die AralseekatastropheEin Nachruf auf das Krisenmanagement
Bühne der Aufarbeitung
Rudolf Mark | 517Die Hungersnot in KasachstanAufarbeitung der stalinistischen Verbrechen
Falk Bomsdorf | 543Ziel und Mittel: ToleranzNathan der Weise in Zentralasien
Klaus Mangold | 549Potential & PerspektivenZentralasien im Fokus der Wirtschaft
Evelyn Moser | 567Kampf gegen WindmühlenStraßenkinder in Kirgisistan
Jörn Happel | 605Shukrullos ErinnerungenEin usbekisches Leben im 20. Jahrhundert
- Manfred Sapper, Volker Weichsel, Andrea Huterer (Hg.)
- Machtmosaik Zentralasien. Traditionen, Restriktionen, Aspirationen
- 648 Seiten, 23 Karten, 40 Abbildungen
- Berlin (BWV) 2007
[ = Osteuropa 8-9/2007]
- Preis: 32,00 €
- ISBN: 978-3-8305-1217-2
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Jörg StadelbauerZwischen Hochgebirge und WüsteDer Naturraum ZentralasienDie fünf postsowjetischen Staaten Zentralasiens weisen geographische Strukturmerkmale auf, die dazu beitragen, dass manche Entwicklungsprozesse schwieriger als in anderen Weltregionen auflaufen. Naturräumliche Gegensätze, zunehmende Wasserknappheit, die Folgen von Ressourcenverschwendung und eine wachsende Bevölkerung werfen Probleme auf, denen mit dem derzeitigen Umwelt- und Wirtschaftsmanagement nur unzureichend begegnet werden kann. 


Bert G. FragnerHochkulturen und SteppenreicheDer Kulturraum ZentralasienZentralasien ist seit alters her ein Gebiet strukturierter Multikulturalität. Die Spannung – manchmal auch Symbiose – zwischen hoch spezialisiertem, viehzüchtendem Reiternomadentum und sesshaften Hochkulturen prägte die Physiognomie Zentralasiens bis in die Neuzeit. Gewaltsame Konflikte führten zu weiträumigen Völkerwanderungen. Die Symbiose produzierte die legendäre Seidenstraße, einen Höhepunkt transkultureller Koexistenz. Die Spezifika der Region wurden allerdings seit dem 18. Jahrhundert überformt, als zunächst der westliche Teil Zentralasiens unter chinesische, im 19. Jahrhundert dann der östliche Teil unter russische Herrschaft geriet. So sind die Grenzen der heutigen Nationalstaaten Produkt der imperialen Konkurrenz und der sowjetischen Nationalitätenpolitik. 


Annette KrämerIslam in ZentralasienBlüte, Unterdrückung, InstrumentalisierungZentralasien war seit der arabischen Expansion im siebten Jahrhundert immer wieder ein wichtiges Zentrum der islamischen Welt. Besonders im vierzehnten Jahrhundert gaben mystische Strömungen aus der Region bedeutende Impulse. Für mehrere Jahrhunderte prägte diese sufische Tradition ganz Zentralasien. Der Bruch kam mit der Eingliederung in die Sowjetunion. Moskau setzte mal auf Repression, mal auf Kontrolle des Islam. Dennoch lebte in den Gesellschaften Zentralasiens neben dem offiziellen ein „paralleler“ Islam weiter. Als in der Perestroika der Druck nachließ, blühte das religiöse Leben wieder auf. Nach ihrer Unabhängigkeit gaben sich alle zentralasiatischen Staaten einen islamischen Anstrich. Seit Mitte der 1990er Jahre wird der Islam aber wieder stärker gegängelt. Vor allem in Usbekistan wird Islam immer öfter mit Terror gleichgesetzt.



Uwe HalbachDas Erbe der SowjetunionKontinuitäten und Brüche in ZentralasienDie Sowjetunion wirft in Zentralasien weite Schatten. Trotz der Auflösung der UdSSR und der Unabhängigkeit der fünf zentralasiatischen Sowjetrepubliken war das Jahr 1991 keine Stunde Null. Zwar postulierten die politischen Eliten eine kulturelle „Wiedergeburt“ und politische Neuorientierung unter nationalstaatlichen Vorzeichen. Doch sowjetische Traditionen wirken fort. Insbesondere die Breschnjew-Ära ist bedeutsam. Diese „bleierne Zeit“ war in Zentralasien von Dynamiken charakterisiert, die für die Entwicklung der Region bis heute relevant sind. In jahrzehntelangen Amtszeiten der kommunistischen Führer bildeten sich gesellschaftliche, kulturelle und politische Trends heraus, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der Staaten prägen. 


Ingeborg BaldaufTradition, Revolution, AdaptionDie kulturelle Sowjetisierung ZentralasiensDie sowjetische Kulturpolitik in Zentralasien unterlag über die Jahrzehnte starken Wandlungen. In den 1920er Jahren dominierte ein emanzipatorischer Kulturansatz, der das sozialistische mit dem nationalen Projekt verknüpfte und sich mit Modernisierungsbestrebungen der zentralasiatischen Intelligenzija traf. Die stalinistische Kulturrevolution unterbrach diese Entwicklung. Sie ersetzte kulturellen Pluralismus durch sowjetischen Paternalismus, Standardisierung und Folklorisierung. Unter der Oberfläche hielten sich jedoch bis zum Zerfall der UdSSR Elemente einer originär zentralasiatischen Alltagskultur, traditionelle Werte, Sitten und Rituale. 


Andreas Heinemann-Grüder, Holger HaberstockSultan, Klan und PatronageRegimedilemmata in ZentralasienDie farbigen Revolutionen in der Ukraine und Georgien nährten Erwartungen auf eine Demokratisierung in Zentralasien. Diese blieb jedoch aus. Die Herrschaftssysteme gelten als semiautoritär oder sultanistisch. Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan demonstrieren, vor welchen Dilemmata diese Regime stehen. Sie produzieren kaum Stabilität und Legitimität, so dass sie alle Regimewechsel durch Wahlen oder Nachfolgekrisen fürchten. Den Sicherheitsapparaten kommt dadurch eine Schlüsselrolle zu. In Zentralasien kristallisiert sich eine Mischung aus dem putinschen und dem chinesischen Modell als wahrscheinlichstes Herrschaftsszenario heraus. 


Marlène LaruelleWiedergeburt per DekretNationsbildung in ZentralasienNach der Erlangung der Unabhängigkeit standen die zentralasiatischen Staaten vor der Aufgabe, sich eine nationale Identität zu schaffen. Im Unterschied zu den europäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo breite Volksbewegungen die nationale Eigenständigkeit erstritten hatten, ging die Nationsbildung in Zentralasien von oben aus. Die autoritären Herrscher kreierten für die Titularnationen identitätsstiftende Symbole, nationale Helden und Traditionen. Um eine jahrhundertealte Staatlichkeit zu konstruieren, die eigene Nation zu glorifizieren und die Herrschaft des Regimes zu legitimieren, übergehen die Machthaber historische Brüche und die problematische jüngste Vergangenheit. Die ideologische Gleichschaltung schließt jede alternative Geschichtsinterpretation aus. 


Paul Georg GeißAndere Wege in die ModerneRecht und Verwaltung in ZentralasienDie Politikwissenschaft untersucht vor allem Wahlen, Parteien oder die Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft. Das gilt auch in Bezug auf Zentralasien. Sie beachtet zu wenig das Rechtssystem und die Verwaltung. Der Vergleich der sowjetischen und postsowjetischen Staaten Zentralasiens ergibt: Nur Kasachstan hat Recht und Verwaltung reformiert und scheint sich von einem neopatrimonialen Staat zu einem bürokratischen Entwicklungsstaat zu verändern, wie er in Südostasien typisch ist. 


Beate EschmentElitenrekrutierung in KasachstanNationalität, Klan, Region, GenerationIn Westeuropa werden politische Ämter durch Wahlen besetzt. Doch wie rekrutiert sich die Elite in Zentralasien? Ist Nationalität der entscheidende Faktor oder spielen Klans eine große Rolle? Welche Bedeutung hat die Region und welche die Generation? Das Beispiel Kasachstan zeigt exemplarisch, dass keiner dieser Faktoren für sich genommen die Elitenrekrutierung in Zentralasien erklären kann. Auch ändert sich ihre Bedeutung: Anfang der 1990er Jahre war der Gegensatz zwischen Russen und Kasachen wichtiger, als er heute ist. Die „Klanzugehörigkeit“ bestimmte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zumindest die gesellschaftliche Wahrnehmung. Und die Generationenfrage gewinnt mit zunehmendem Alter der herrschenden Elite an Bedeutung. 


Cornelius Graubner, Alexander WoltersKirgisischer Feldversuch DemokratieZwischen Schattenstaat und TulpenrevolutionDie „Tulpenrevolution“ in Kirgisistan wird häufig als Ergebnis ausländischer Einmischung betrachtet. Populär ist auch die These, es habe sich um eine Auseinandersetzung von Klans gehandelt. Beides überzeugt nicht. Die kirgisische Politik ist vielmehr von Klientelpolitik geprägt. Macht erlangt derjenige, der es versteht, im kirgisischen Schattenstaat den Zugang zu Ressourcen zu kontrollieren und zu verteilen. Dies zeigen die zentralen Interessenkonflikte, die in dem zentralasiatischen Staat seit 2005 ausgefochten werden. Der Einfluss westlicher Demokratieförderung kann in einem solchen System nicht allzu groß sein. 


Michael DenisonFührerkult in TurkmenistanÜberwachen und überzeugenIn Zentralasien ist der Führerkult das wichtigste Instrument der politischen und kulturellen Kontrolle. National im Inhalt, ist er in der Praxis sowjetisch. Der bizarre Exzess um den „Vater aller Turkmenen“, Nursultan Nijasow, hatte mehrere Funktionen: Er sicherte dem Führer die Macht, den Eliten das Wohlwollen und den Zugang zu finanziellen Ressourcen und diente der sozialen Integration und politischen Sozialisation der Bevölkerung. Nach „Turkmenbaschis“ Tod entwickelt sein Nachfolger Berdymuchammedow einen ähnlichen Kult. 


Gunda WiegmannStaatsversagen in TadschikistanLokales Regieren nach dem BürgerkriegTadschikistan versank nach seiner Unabhängigkeit in einem Bürgerkrieg. Der Wiederaufbau von Staatlichkeit gestaltet sich schwierig. In den Dörfern der Regionen, die ehemals die Opposition unterstützten, stellen lokale Autoritären, Nichtregierungsorganisationen und internationale Organisationen öffentliche Güter bereit. Schwierig ist die Lage in den Regionen, in denen die Anhänger des Regimes in Duschanbe beheimatet sind. Dorthin gelangt weniger internationale Hilfe. Die Vereinten Nationen versuchen, durch Projekte auf lokaler Ebene die Staatsbildung von unten zu fördern. Doch die Wiederherstellung einer zentralen Staatlichkeit ist unerlässlich. 


Matteo FumagalliUsbekische ZwickmühleStaatsnationalismus und AuslandsusbekenNach dem Zerfall der Sowjetunion ging in Zentralasien die Angst vor ethnischen Konflikten um. Alle neuen Staaten beheimaten große Bevölkerungsgruppen, die einer Ethnie angehören, die Titularnation eines Nachbarstaates ist. Die größte dieser Gruppen sind die Auslandsusbeken. Doch Usbekistan begreift sich gar nicht als Schutzstaat der Auslandsusbeken. Vielmehr betrachtet das Regime in Taschkent die Auslandsusbeken als Staatsbürger der Nachbarstaaten oder gar als potentielle islamistische Terroristen. Auch die Auslandsusbeken in Kirgisistan sind von dem autoritären Usbekistan enttäuscht. So schlecht ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation auch ist, in Kirgisistan können sie zumindest ihren Unmut äußern. 


Sébastien PeyrouseRückkehr und AufbruchZentralasiatische MigrationsströmeNach der Auflösung der UdSSR verließen Millionen von Russen Zentral¬asien. Seit Mitte der 1990er Jahre wandern Zentralasiaten als Arbeitskräfte nach Russland. Die Migration bietet Chancen und Risiken. Russland gewinnt Arbeitskräfte, doch durch wachsende Xenophobie droht gesellschaftliche Destabi¬lisierung. Die Migranten überweisen Einkommen nach Hause. Dieser Geldzufluss erzeugt Wohlstand und Stabilität. Doch der Bevölkerungsschwund führt auch zu sozialen Verwerfungen. 


Roy AllisonBlockaden und AnreizeAutoritarismus und regionale KooperationRegionale Kooperation in Zentralasien scheiterte bislang an nationalen Rivalitäten und Desinteresse. Die autoritären Herrscher sind nicht bereit, Souveränitätsrechte abzugeben und ihre Macht zu gefährden. Westlicher Demokratisierungsdruck und islamischer Fundamentalismus drängen die Machthaber zur Kooperation. Doch transregionale Organisationen wie die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit betrachten sie primär als Instrumente zur Herrschaftsstabilisierung. Russland hat seit den „farbigen Revolutionen“ als Schutzmacht gegen Demokratisierung an Bedeutung gewonnen. 


Anna MatveevaTraditionen, Kalküle, FunktionenRusslands Rückkehr nach ZentralasienNach der Auflösung der UdSSR spielte Zentralasien keine Rolle mehr in Russlands Außenpolitik. In Putins zweiter Amtszeit hat sich das verändert, Russland verfügt wieder über die finanziellen Mittel und Instrumente. Zentralasien ist zu einer wichtigen Bühne geworden, auf der Russland sicherheitspolitische und ökonomische Interessen verfolgt und in einer Mächtekonkurrenz mit China und den USA steht. Dabei kann es auf sowjetische Netzwerke und Praktiken zurückgreifen. Putins Rollenmodell und Russlands „gelenkte Demokratie“ kommen den Interessen der autoritären Herrscher Zentralasiens entgegen. Allerdings ist ihre Bereitschaft gering, sich einem Moskauer Diktat zu unterwerfen. 


Eugene B. RumerPeripherie, Zentrum, ProblemfallDie Zentralasienpolitik der USAIn den 1990er Jahren war Zentralasien für die USA vor allem eines: Peripherie. Washington tat sogar alles, damit dies so bleibt. Die Region sollte eine großmachtfreie Zone werden. Doch daran hatten weder China noch Russland noch die zentralasiatischen Staaten ein Interesse. Ganz so zurückhaltend waren dann auch die USA nicht: Sie beteiligten sich am Wettlauf um das kaspische Öl. Die Enttäuschung über das Scheitern amerikanischer Demokratisierungsbemühungen sowie eine realistischere Einschätzung der Ölressourcen im Kaspiraum ließen allerdings das Interesse Ende der 1990er Jahre wieder merklich sinken. Die Wende kam mit dem 11. September 2001. In kurzer Zeit wurde Zentralasien zum Aufmarschgebiet für den Kampf gegen den Terror. Doch die Freundschaft zwischen den zentralasiatischen Autokraten und Washington hielt nicht lange. Sie zerbrach mit dem brutalen Einsatz usbekischer Sicherheitskräfte in Andischan. Washington forderte Aufklärung, Taschkent fühlte sich brüskiert, Moskau und Peking profitierten von dem Zerwürfnis. 


Gudrun WackerNeue alte NachbarnChina und ZentralasienChina hat historische, ethnische und religiöse Verbindungen zu der Region an seiner westlichen Grenze. Seit dem Ende der Sowjetunion steht für Peking in den Beziehungen zu den neuen Nachbarstaaten die Bewahrung der regionalen Stabilität im Vordergrund, da diese Frage sich auf Chinas Nordwesten, die Autonome Region Xinjiang-Uighur, auswirkt. China setzt im Verhältnis zu allen zentralasiatischen Republiken auf gute politische und wirtschaftliche Beziehungen und pflegt diese durch eine rege Besuchsdiplomatie. Gleichzeitig hat es die sicherheitspolitische Zusammenarbeit nicht nur auf bilateraler, sondern auch multilateraler Ebene intensiviert. Als Rahmen für Letztere dient China die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, in der Russland und vier der fünf zentralasiatischen Staaten Mitglied sind. 


Andrea SchmitzInteressen, Instrumente, EinflussgrenzenDie Europäische Union und ZentralasienSeit 2001 hat die Europäische Union ein wachsendes Interesse an Zentralasien entwickelt. Grund sind die Energiereserven der Region sowie sicherheitspolitische Kalküle. Die präventive Sicherheitspolitik der EU zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Zusammenarbeit an die Achtung der Menschenrechte und demokratischer Mindeststandards knüpft. Die Erfolgsaussichten des europäischen Ansatzes sind jedoch gering. Mit Russland und China sind zwei Staaten in der Region aktiv, deren Einfluss in der Region erheblich größer ist als der der EU. Allenfalls in der Rolle eines Gegengewichts zu den beiden regionalen Großmächten kann sich die EU einen gewissen Handlungsspielraum erobern. 


Rainer Freitag-WirminghausVom Panturkismus zum PragmatismusDie Türkei und ZentralasienDie Türkei sieht in den turksprachigen Nationen Zentralasiens gerne Brudervölker. Als diese Anfang der 1990er Jahre die staatliche Unabhängigkeit erlangten, träumten Politiker in Ankara von einer politischen panturkischen Einheit. Diese Blütenträume platzten rasch. Die Türkei übte viel weniger Anziehungskraft auf die zentralasiatischen Staaten aus, als Ankara gehofft hatte. Gleichwohl ist die Türkei ökonomisch in der Region sehr präsent, und die kulturellen Kontakte haben sich vertieft. Dass Ankara aber mittlerweile der Realpolitik Vorzug vor der Fixierung auf vermeintliche Brüdervölker gibt, zeigt sich in der Energie- wie in der Sicherheitspolitik. In diesen beiden entscheidenden Bereichen haben sich die türkischen Interessen in den Südkaukasus verlagert. Dort ist neben dem kulturell und politisch eng mit der Türkei verbundenen Aserbaidschan auch Georgien zu einem wichtigen Partner geworden. Gleichwohl versucht Ankara auch in Zentralasien weiter seine Rolle zwischen Russland und den USA zu finden. 


Nicole J. JacksonSicherheitskooperation in ZentralasienDer Kampf gegen Drogenhandel und TerrorismusDrogenhandel und Terrorismus sind zentrale Bedrohungen für Zentralasien. Um sie zu bekämpfen, suchen die Regierungen die Zusammenarbeit in der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit und der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit. Doch eine effektive Kooperation, die über symbolische Militärmanöver hinausgeht, scheitert daran, dass die Machthaber einander misstrauen, die Bedrohungslage unterschiedlich wahrnehmen und bilateralen Beziehungen den Vorzug geben. Die Staaten sind Teil des Problems: Eine repressive Innenpolitik der Regime schürt islamischen Extremismus und Korruption. Die Unterwanderung durch organisiertes Verbrechen lähmt die staatlichen Behörden. 


Gernot ErlerErfahrung und InteresseDas EU-Engagement in ZentralasienSeit Juni 2007 hat die EU eine Zentralasienstrategie. Damit will sie ihre Beziehungen zu den Ländern der Region ausbauen. Die EU hat das Interesse, dort Sicherheit und Stabilität zu fördern, die Menschenrechtslage zu verbessern, die wirtschaftliche Kooperation zu vertiefen sowie Energieressourcen aus dem Raum zu importieren. Die EU bietet Erfahrungen in der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit und Know-how an. Das Wassermanagement ist ein erstes Politikfeld, auf dem sich grenzüberschreitende Kooperation empfiehlt. 


Imke DierßenOhne KonsequenzMenschenrechtspolitik gegenüber UsbekistanIm Mai 2005 starben Hunderte Menschen im usbekischen Andischan, als Sicherheitskräfte eine Demonstration auflösten. Die EU verhängte daraufhin Sanktionen gegen Usbekistan, entschied sich jedoch auch, mit Taschkent im Dialog zu bleiben. Dabei orientierte sie sich nicht an transparenten Kriterien. Das schwächt die Kohärenz, Konsistenz und Konsequenz der eigenen Menschenrechtspolitik. 


Martha Brill OlcottOhne LinieDer Westen und Usbekistan nach AndischanNach dem 11. September 2001 öffnete sich Usbekistan den USA für militärische Kooperation. Die Annäherung kühlte ab, als die Bush-Regierung aus dem „Krieg gegen Terror“ zu einem proklamierten „Feldzug für Demokratie und Freiheit“ weltweit überging. Das Blutvergießen usbekischer bewaffneter Verbände in Andischan im Mai 2005 wirkte als Wasserscheide. Seitdem liegen die gravierenden Wertedifferenzen zwischen Usbekistan und dem Westen offen. Russland und China stärken das Karimow-Regime. Der Vorwurf, der Westen messe autoritäre Regime je nach Rohstoffbedarf und strategischen Interessen mit zweierlei Maß, stellt die USA und die EU vor eine Aufgabe: Erforderlich ist eine konsistente Politik. 


Jörn GrävingholtOhne GewährDemokratieförderung in ZentralasienSeit dem Zusammenbruch der UdSSR versuchen westliche Staaten, internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen Demokratie in Zentralasien zu fördern. Zur Entstehung und Konsolidierung von Demokratien haben sie nicht beigetragen. Die implizite Annahme, Zentralasien auf dem Weg zur Demokratie unterstützen zu müssen, ist irreführend. Die zentrale Herausforderung besteht darin, Demokratie in Nicht-Demokratien zu fördern. Es gibt gute Gründe dies zu tun, sofern Ziele realistisch formuliert und Mittel angepasst eingesetzt werden. 


Bernd KuzmitsGrenzüberschreitende KooperationAfghanistan und seine nördlichen NachbarnDer Amudarja markiert einen Großteil der Grenze zwischen Afghanistan und seinen nördlichen Nachbarn Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Bis zum Ende der Sowjetunion war diese Grenze kaum passierbar und bildete eine Scheidelinie unterschiedlicher Entwicklungswege. Heute ist Sicherheit die erste Devise der zentralasiatischen Grenzpolitik. Doch allmählich entstehen Ansätze grenzüberschreitender Kooperationen. 


H. Rempel, S. Schmidt, U. Schwarz-Schampera, S. Röhling, K. BrinkmannDie Rohstoffe ZentralasiensVorkommen und Versorgungspotential für EuropaZentralasien rückt weltweit ins Blickfeld der Energieverbraucher. Eine Analyse des Versorgungspotentials und der Förderprognosen zeigt, dass Zentralasien künftig mehr Erdöl und Erdgas, Kohle und Uran fördern wird. Öl und Gas könnten einen Beitrag zur Diversifizierung der Energieimporte der EU leisten. Kohle wird eher in der Region verbraucht werden und Uran primär nach Russland geliefert. Ihren wachsenden Importbedarf an Energierohstoffen wird die EU kaum durch Zentralasien decken können. 


Roland GötzMythos DiversifizierungEuropa und das Erdgas des KaspiraumsDie Erdgasvorkommen des Kaspischen Raums haben nicht nur im Westen, sondern auch in der Region große Erwartungen geweckt. Während Europa mit ihnen die Hoffnung verbindet, seine Erdgasimporte weiter regional diversifizieren zu können, möchten sich die Staaten der Region von Russland emanzipieren. Doch für eine Umorientierung der Erdgasexporte Richtung Westen müsste eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden. Voraussichtlich wird Aserbaidschan zu größeren Gasexporten nach Europa in der Lage sein, während Turkmenistan und Kasachstan vor allem Russland und China beliefern werden. Europa sollte sich nicht auf einen politisch gesteuerten „Diversifizierungswettlauf“ mit Gazprom einlassen. 


Kirsten WestphalWettlauf um EnergieressourcenMarkt und Macht in ZentralasienKasachstan, Turkmenistan und Usbekistan sind von strategischer Bedeutung für die Weltenergiemärkte. Der Wettlauf um Ressourcen und Pipelines steht oft unter dem Schlagwort des Great Game. Dieser Rekurs auf die imperialistische Vergangenheit verstellt den Blick auf aktuelle Entwicklungen. Zwar dominieren Geopolitik, Machtfragen und Marktbeherrschung. Ordnungspolitische Alternativen der EU, die auf multilaterale Kooperation, internationales Recht und Marktmechanismen setzen, laufen ins Leere. Doch die Gründe sind nicht nur in internationaler Machtprojektion und der Politisierung der Energiefrage zu suchen. Sie bestehen darin, dass die autoritären Regime Zentralasiens auf Nichteinmischung in innere Angelegenheiten beharren und mit Russland und China dankbare und politisch bequeme Abnehmer finden. 


Gundula Bahro, Inge LindemannTeuer bezahlter ReichtumUmweltzerstörung am Kaspischen MeerDas Kaspische Meer in Zentralasien ist das größte, abflussfreie Binnenmeer und liegt in der ältesten Ölregion der Welt. Das Gebiet ist bekannt wegen seines Ressourcenreichtums, besonders an Störfischen, von denen der schwarze Kaviar gewonnen wird, und den Erdöl- und Erdgasvorkommen. Zunehmende Umweltzerstörung macht das Kaspische Meer heute zu einem gefährdeten Lebensraum. 


Ernst Giese, Jenniver SehringKonflikte ums WasserNutzungskonkurrenz in ZentralasienDie Eigenstaatlichkeit der ehemaligen sowjetischen Republiken Zentralasiens hat die Wasserprobleme in der Region verschärft. Die nationalen Entwicklungsstrategien der fünf Staaten führten zu widerstreitenden Nutzungsansprüchen. Neben den klassischen Verteilungskonflikten rückt immer mehr der sektorale Konflikt zwischen Bewässerung und Energieproduktion in den Vordergrund, der zwischen Ober- und Unteranliegern verhandelt werden muss. Diese konträre Interessenskonstellation erhält dadurch Brisanz, dass sich Russland, China und Iran einmischen. Alle haben geostrategische Interessen und einen enormen Energiebedarf. 


Jenniver SehringDie Aralsee-KatastropheEin Nachruf auf das multilaterale KrisenmanagementDer Aralsee ist Schauplatz einer der größten, je von Menschen verursachten Umweltkatastrophen. In nur 50 Jahren verlor er neun Zehntel seines Wassers. In einem Gebiet größer als das Deutschlands leiden knapp vier Millionen Menschen unter Salzstürmen mit Pestizidrückständen. Die Kindersterblichkeitsrate ist eine der höchsten der Welt. Auch Typhus, Hepatitis und Krebserkrankungen treten überproportional häufig auf. Hinzu kommen gravierende sozioökonomische Probleme. Alle Rettungsversuche der letzten 15 Jahren scheiterten, das multilaterale Krisenmanagement hat versagt. Die Staaten an Amudarja und Syrdarja, die den Aralsee speisen, entnehmen entgegen allen Selbstverpflichtungen weiter riesige Wassermengen für die Landwirtschaft. 


Ansgar Gilster, Henriette HättichNiedergang, Stagnation, AufstiegBildung und Gesundheit in ZentralasienDie Sozialsysteme der zentralasiatischen Staaten gerieten nach der Auflösung der UdSSR in eine tiefe Krise. Die Talsohle scheint durchschritten. Bis heute zehren die Staaten vom sozialpolitischen und infrastrukturellen Erbe der Sowjetunion. Die Alphabetisierungsraten sind hoch, gleichzeitig sind die Einrichtungen ineffizient und unterfinanziert. Die Regierungen wissen um die Probleme und zeigen Reformbereitschaft. Die Rahmenbedingungen sind besser denn je: Das Bruttoinlandsprodukt steigt. Entwicklungsindikatoren wie die Lebenserwartung zeigen nach oben. Um den Aufstieg von unterentwickelten zu modernen Gesellschaften zu schaffen, sind Investitionen und Reformen erforderlich. Gesundheit und Bildung sind die Voraussetzung für jegliche Entwicklung. 


Rudolf A. MarkDie Hungersnot in KasachstanAufarbeitung der stalinistischen VerbrechenDie Hungersnot gehörte zu den großen „weißen Flecken“ der sowjetischen Historiographie Kasachstans. Seit der Unabhängigkeit des Staates ist diese Katastrophe Gegenstand der historischen Forschung – auch als ein nationales Projekt. Die Hungersnot wurde lange als „Betriebsunfall“ oder als „Verletzung leninscher Prinzipien“ erklärt. Mit wachsender Distanz zur Sowjetzeit wird sie als Teil der gewaltsamen Nivellierungs- und Disziplinierungspolitik des als totalitär verstandenen stalinschen Systems interpretiert. 


Wladislaw Hedeler, Meinhard StarkDas Grab in der SteppeDas Straflager Karaganda in den 1930er JahrenDas Karagandinsker „Besserungsarbeitslager“ in Kasachstan war einer der größten Lagerkomplexe des Gulag. Von 1930 bis 1959 leisteten hier 800 000 Häftlinge Zwangsarbeit. Sie kultivierten das öde Land und schufen die Voraussetzungen dafür, dass hier eines der größten Abbaugebiete der UdSSR für Steinkohle, Mangan und Kupfer entstand. Viele Inhaftierte fanden den Tod. Anfangs starben auch viele Kasachen, die sich gegen die Vertreibung von ihrem Weideland wehrten. Das Lagerarchiv sowie Erinnerungen von Überlebenden geben einen Einblick in die bedrückenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, das Chaos der Aufbaujahre, in Organisation, Struktur und Produktion des Lagers.



Jörn HappelShukrullos ErinnerungenEin usbekisches Leben im 20. JahrhundertDer usbekische Dichter Shukrullo Yusupov behandelt in seinen Erinnerungen jene Umbrüche, die das sowjetische Regime in Zentralasien auslöste und die bis heute Folgen haben: die Kollektivierung der Landwirtschaft, den Traditionsbruch durch den zweifachen Wechsel des Alphabets, Deportationen, Inhaftierung und Lager. Die Erinnerungen eröffnen Einblicke in die individuelle Verarbeitung dieser Umbrüche und gestatten es, die historischen Vorgänge zu rekonstruieren. 

Albrecht RothacherBlütenlesePublikationen über ZentralasienLiteratur über Geschichte, Politik und Gesellschaft der Staaten Zentralasiens existierte nach dem Ende des Ost-West-Konflikts kaum. Unterdessen liegen zahlreiche Arbeiten vor, die es gestatten, die Entwicklung von Politik und Kultur in diesem Raum zu verstehen. 


Marcus BensmannViel Zensur, wenig FreiheitMedien in ZentralasienDie Staaten Zentralasiens rangieren in puncto Pressefreiheit weltweit im unteren Drittel. Die Regime kontrollieren das Fernsehen und gängeln die Medien. Das Internet ist nur wenigen zugängig. In Kasachstan und Kirgisistan gibt es dennoch eine recht vielfältige Presse und oppositionelle Blätter. Anders in Usbekistan. Hier hat das Regime nach der Niederschlagung des Aufstands in Andischan 2005 ausländische Medien des Landes verwiesen und ihren lokalen Kräften die Arbeit verboten. Letzte Nischen von Pressefreiheit wurden damit beseitigt. In Turkmenistan hat es diese nie gegeben. Nur in Nordkorea waren 2006 die Bedingungen für unabhängige Medien noch schlechter. 


Falk BomsdorfZiel und Mittel: ToleranzNathan der Weise in Zentralasien„Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es!“ Erich Kästners Devise stand Pate bei einem ungewöhnlichen Projekt: In Zentralasien die Substanz der Toleranz aus dem Geist der Aufklärung zu vermitteln. Mit von der Partie war der Klassiker Nathan, der seine Weisheit in Usbekistan und Kirgisistan entfaltete. 

Klaus MangoldPotential & PerspektivenZentralasien im Fokus der deutschen WirtschaftDer Handel zwischen Deutschland und Zentralasien hat in den letzten Jahren zugenommen. Die Region ist wegen ihrer Rohstoffe und als wachsender Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft attraktiv. Kasachstan ist der Haupthandelspartner Deutschlands in Zentralasien. Um das Potential der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu erschließen, sind politische Stabilität, Investitionssicherheit, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit in der Region notwendig. 


Andrea Schneider, Jörg StadelbauerAuf der Hochweide in KirgisistanLokaler Tourismus und RegionalentwicklungWenige Touristen besuchen Zentralasien. Primär sind es Kulturtouristen an den historischen Stätten der Seidenstraße. Dabei kann Tourismus auch zur Entwicklung abgelegener Regionen beitragen. In Kirgisistan gibt es das Projekt Community Based Tourism, das einen Fremdenverkehr praktiziert, der an Nachhaltigkeit und Traditionen orientiert ist. Touristen teilen im Hochgebirge die Lebensweise der Bewohner, lernen ihren Alltag, ihre Traditionen und Fertigkeiten kennen. Das schafft Arbeit und Entwicklung. 


Evelyn MoserKampf gegen WindmühlenStraßenkinder in KirgisistanVor allem in den größeren Städten Kirgisistans gehören Straßenkinder zum Alltagsbild. Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs, Betteln oder Diebstählen durch und unterstützen dadurch oft noch ihre Eltern. Viele der Kinder ziehen die Unabhängigkeit eines solchen Lebens einem Dasein im Kinderheim vor. Der Staat reagiert auf die Straßenkinder überwiegend repressiv. 

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