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Heft 05/2007
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Der Osten im Westen – Importe der Populärkultur

Ulrich Schmid Der Osten im Westen
Importe der Populärkultur

Broadway cum Rachmaninov
Komponisten aus Osteuropa in Hollywood

Gerigk Zwei Russen in Amerika
Irving Berlin und Dimitri Tiomkin

Vom Flüchtlingslager in die Konzertsäle
Die Geschichte des Don Kosaken Chores

Zauber aus dem Osten
Pan Tau erobert die deutschen Bildschirme

Fallende Ost-Blöcke
Tetris oder Wie die Sowjetunion den Game Boy zum Superstar machte

Interkulturelle Inkompetenz
Borat parodiert westliche Osteuropaklischees

Tanz um den roten Stern
Russendisko zwischen Ostalgie und SozArt

Exportschlager!
Die russische Mädchenband t.A.T.u.

Ruslana
Interkulturelles Marketing aus den Karpaten

Ein Russe in New York
Gary Shteyngart und der Immigrant Chic

In fremden Zungen
Milan Kunderas und Andreï Makines französische Prosa

Balkan-Beat, Eskimos und ein polnisches Sahnetörtchen
Östliches in Emir Kusturicas Arizona Dream

Unser täglich Sibirien gib uns heute
Imaginäre Geographie als deutsche Popkultur

Marks statt Marx
Osteuropa, der Supermarkt und das britische Gesundheitssystem

Wir armen Schlawiner
Klagelied eines slavischen Lehnworts

„Rom liegt irgendwo in Rußland. . .“
Russische Literatur in deutschen Übersetzungen 2006
  • Birgit Menzel, Ulrich Schmid, (Gastherausgeber) Manfred Sapper, Volker Weichsel, Andrea Huterer (Hg.)
  • Der Osten im Westen. Importe der Populärkultur
  • 288 Seiten, 76 Abb.
  • Berlin (BWV) 2007
    [ = Osteuropa 5/2007]
  • Preis: 15,00 €
  • ISBN: 978-3-8305-1218-9

Download (PDF-Format)




Birgit Menzel, Ulrich Schmid
Der Osten im Westen
Importe der Populärkultur

Zahlreiche Produkte der westlichen Populärkultur sind aus Osteuropa importiert. Dies wird oft übersehen, bestimmt doch die bereits von der Kritischen Theorie angestimmte Klage über die „McDonaldisierung“ der europäischen Kultur bis heute die Debatte. Wertfreie Einzelstudien beschränken sich bei der Analyse der Populärkultur hingegen in der Regel auf einen bestimmten nationalen Kontext. Verfolgt man aber die Importwege prominenter Erscheinungen in der westlichen Populärkultur, so zeigt sich, daß osteuropäische Traditionen und Prägungen auf ganz unterschiedliche Weise präsent sind: Sie können sich unter einer sorgfältigen Camouflage verbergen, durch kulturelle Transformation an den Publikumsgeschmack angepaßt werden oder auch als plakative Exotik auftreten.


Dorothea Redepenning
Broadway cum Rachmaninov
Komponisten aus Osteuropa in Hollywood

Hollywoods Filmmusik ist ein „Melting Pot“ aus populären Schlagern und Jazz, aus europäischer Symphonik, aus Oper, Ballett und Broadway-Show. Vor allem Emigranten aus Europa haben diese Musik kreiert, die zur kulturellen amerikanischen Identität gehört. Im Schaffen von Rachmaninov und Čajkovskij fanden sich die melodischen Modelle und orchestralen Effekte zur klanglich-emotionalen Inszenierung melodramatischer Szenen. Es entbehrt nicht einer feinen Ironie, daß die schönsten „amerikanischen Heimatlieder“, die populärsten Western-Songs, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges aus der Feder Dimitri Tiomkins stammen, der sein Handwerk in Sankt Petersburg gelernt hatte.


Horst-Jürgen Gerigk
Zwei Russen in Amerika
Irving Berlin und Dimitri Tiomkin

Irving Berlin und Dimitri Tiomkin haben der amerikanischen Unterhaltungsmusik bleibende Leistungen geliefert. Berlins White Christmas und Tiomkins Titelsong zu High Noon sind Klassiker. Beide Komponisten stammen aus Rußland und sind mit ihren Karrieren Musterbeispiele für den kulturellen Dialog zwischen Amerika und Europa. Dies darf aber nicht den Eindruck aufkommen lassen, hier kommunizierten zwei verschiedene Kulturen miteinander in der Unterhaltungsmusik. Vielmehr existiert seit dem 18. Jahrhundert eine kohärente europäisch-amerika­nische Kulturlandschaft. Nur in ihr konnten Berlin und Tiomkin ihre Wirkung entfalten.


Katharina Kucher
Vom Flüchtlingslager in die Konzertsäle der Welt
Die Geschichte des Don Kosaken Chores

Donkosakenchöre gehören zur deutschen Rußlandfolklore wie Balalaika, Samowar und Matrjoschka. Unzählige Schwarzmeer-, Wolga-, Ural- und Donkosakenensembles bedienen die westliche Sehnsucht nach den Weiten der Taiga und der Tiefe der russischen Seele. Die wenigsten Fans der strammen und doch so melancholischen Kosakensänger wissen, daß sie Epigonen anhängen. Den „echten“ Don Kosaken Chor gründeten in den 1920er Jahren Angehörige der geflohenen Weißen Armee in einem türkischen Flüchtlingslager. Die Geschichte ihres Aufstiegs zu Weltstars ist zugleich die Geschichte einer Odyssee von Heimatlosen.


Helena Srubar
Zauber aus dem Osten
Pan Tau erobert die westdeutschen Bildschirme

Der sympathische Kinderheld Pan Tau war das wichtigste populärkulturelle Exportprodukt der sozialistischen Tschechoslowakei. In den frühen 1970er Jahren revolutionierte die Serie das westdeutsche Kinderfernsehen. Mit ihrer Mischung von Alltag und Phantastik bot sie kindgerechte Unterhaltung und filmische Qualität. Vor allem aber galt sie als konsumkritisch, anarchisch und subversiv – zu dieser Zeit Attribute höchster Wertschätzung. Gleichzeitig erfüllte sie in Prager Lesart den Kanon der humanistischen Moralvorstellungen und fügte sich in die sozialistische Staatsideologie.


Ilja Karenovics
Fallende Ost-Blöcke
Tetris oder Wie die Sowjetunion den Game Boy zum Superstar machte

Wohl kein anderes Computerspiel kann es punkto Erfolg und Bekanntheit mit Tetris aufnehmen. Weitaus weniger bekannt ist, daß das Knobelspiel die Erfindung eines russischen – damals noch sowjetischen – Mathematikers aus dem Jahr des Regierungsantritts von Michail Gorbačev ist. Seine Geschichte kann in mehrfacher Hinsicht als symbolisch für die Zeit der Perestrojka gelten: Mit Tetris nimmt die „Russen-Popkultur“ im Westen ihren Anfang – aber auch der kommerzielle Welterfolg von Nintendos Handheld-Konsole Game Boy. Hinter den Kulissen dieser Geschichte spielte sich ein internationaler Wirtschaftskrimi ab, in dem Akteure und Institutionen der zusammenbrechenden Sowjetunion eine Hauptrolle spielen.


Ulrich Schmid
Interkulturelle Inkompetenz
Borat parodiert westliche Osteuropaklischees

Der kasachische Reporter Borat Sagdiyev ist eine Kunstfigur des britischen Komikers Sacha Baron Cohen. Borat dreht angeblich im Westen Dokumentarfilme, tritt aber in Tat und Wahrheit als agent provocateur auf: Er verleitet sein Gegenüber mit politisch absolut unkorrekten Aussagen zu möglichst publikumswirksamen Reaktionen. Im vergangenen Jahr kam der Film Borat in die amerikanischen und europäischen Kinos. Cohen läßt Borat entlang der locker gestrickten Rahmenhandlung eines road movie in verschiedenen Episoden auftreten, die prekäre Erscheinungen der US-Gesellschaft aufs Korn nehmen: Duckmäuserei, Bigotterie, Sportfanatismus und Starkult.


Ellen Rutten
Tanz um den roten Stern
Die Russendisko zwischen Ostalgie und SozArt

Vladimir Kaminers Russendisko hat Kultstatus. Sie ist kein Tanzabend für Ostalgiker und Exil-Russen. Sie dekonstruiert nationale Stereotypen und spielt mit westlichen Rußland-Klischees. Sie schließt damit an Praktiken osteuropäischer Künstler wie Vitalij Komar & Melamid oder Oleg Kulik an.


Mirja Lecke
Exportschlager!
Die russische Mädchenband t.A.T.u.

t.A.T.u. ist die erfolgreichste russische Popband aller Zeiten. Dieser Erfolg ist kein Zufall, er beruht auf der geschickten Anpassung des lesbischen Images der Band an verschiedene kulturelle Umgebungen. t.A.T.u. wurde als Provokation für die russische Gesellschaft erdacht, in Westeuropa und den USA erreichte das Popduo durch öffentliche Küsse publicity-trächtige Verbote. An seiner Geschichte läßt sich beobachten, wie Strukturen der westlichen Konsumindustrie auf russische Verhältnisse appliziert werden, sich dabei verändern und anschließend wiederum die Wahrnehmung Rußlands im Westen prägen.


Holger Gemba
Ruslana
Interkulturelles Marketing aus den Karpaten

Im Jahr 2004 gewann die ukrainische Sängerin Ruslana den Eurovision Song Contest. Anders als der Titel ihres Liedes Wild Dances suggeriert, ist sie nicht wild, sondern eine gebildete, erfolgreiche Frau aus der Westukraine. Sie hatte Erfolg, weil sie die Stereotypen über ihre Heimat und die Menschen so spiegelte, daß die Zuhörer ihre Vorurteile bestätigt sahen. Seit 2006 hat Ruslana ihr Image verändert. An die Stelle des ethnoregionalen Klischees der Wild dances rückt das transnationale Projekt Wild Energy. Dieses Marketing zielt auf erweiterte Märkte.


Adrian Wanner
Ein Russe in New York
Gary Shteyngart und der Immigrant Chic

Gary Shteyngart, russischer Jude, sowjetischer Emigrant und Wahl-New Yorker, schildert in seinen Romanen Handbuch für den russischen Debütanten und Absurdistan seinen kometenhaften Aufstieg zum „neuen Nabokov“ mit viel Selbstironie. Mit seinem osteuropäischen Immigrantenroman, der zugleich ein Roman über Exilamerikaner ist, hat Shteyngart einen neuen literarischen Trend gesetzt. Seine russische Identität nutzt er, ähnlich wie Wladimir Kaminer in Deutschland, zur Selbstvermarktung. In einer grotesken Mischung aus russischer, jüdischer und (afro)ameri­kanischer Popkultur nimmt er amerikanische „Ostalgie“ und Rußlandklischees aufs Korn und persifliert die Idee einer authentischen Nationalkultur ebenso wie die der multikulturellen Synthese. Doch die Grenze zwischen Parodie und Sentimentalität, zwischen Kitsch und authentischem Nationalstolz ist fließend.


Maria Rubins
In fremden Zungen
Milan Kunderas und Andreï Makines französische Prosa

Die europäische Identität zweisprachiger Schriftsteller wie Milan Kundera und Andreï Makine zwingt zum Überdenken konventioneller Kategorien wie „Ost“ und „West“ oder „Fremder“ und „Einheimischer“. Beide Autoren haben ihre „Heimat“ gegen das „Exil“ eingetauscht, beide verfassen französische Romane und Essays. Die Zugehörigkeit zur europäischen Tradition verbindet sich mit einem distanzierten, „östlichen“ Blick auf Frankreichs Kultur, Gesellschaft und Medien. Kundera wehrt sich dagegen, als tschechischer Patriot und Autor zu gelten. Mit intertextuellen Bezügen betont er das Transnationale seines Werks. Makine stellt sich als Schriftsteller-Prophet in die Tradition Tolstojs und Dostoevskijs und entlarvt kulturelle Mythen.


Andrea Meyer-Fraatz
Balkan-Beat, Eskimos und ein polnisches Sahnetörtchen
Östliches in Emir Kusturicas Film Arizona Dream

Mit Arizona Dream hat Emir Kusturica auf den ersten Blick ein groteskes Bild amerikanischer Verhältnisse geschaffen. Auf den zweiten Blick zeigt sich, daß die befremdlichen Elemente einen Bezug zur östlichen Kultur haben. Hinter der auffälligen Natursymbolik verstecken sich Mythen von Eskimos und sibirischen Völkern, die der wenig kohärenten Handlung Tiefe verleihen. Die Filmmusik von Goran Bregović macht Anleihen bei der balkanischen Roma-Musik. All dies läßt sich zum einen als Versuch verstehen, den Ost-West-Gegensatz aufzuheben, zum anderen deutet sich darin der zunehmende Nationalismus des Regisseurs an.


Tom Jürgens
Unser täglich Sibirien gib uns heute
Imaginäre Geographie als deutsche Popkultur

Sibirien ist fester Bestandteil der deutschen Popkultur: Die Romane von Edwin Erich Dwinger, Ferdinand Ossendowski oder Heinz G. Konsalik prägten das 20. Jahrhundert ebenso sehr wie die erste deutsche Fernsehserie „So weit die Füße tragen“ oder die Reportagen von Gerd Ruge. Die Bilder, die hier gezeichnet werden, operieren häufig mit Stereotypen, die bereits in den Sibirien-Reiseberichten des späten 17. und in den Publikationen deutscher Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts angelegt sind. Dabei ist das Stereotyp nicht nur „plattes Bild“, sondern erfüllt eine kommunikative Funktion zwischen Vermittlung und Trauma-Bewältigung.


Andrej Rogačevskij
Marks statt Marx
Osteuropa, der Supermarkt und das britische Gesundheitssystem

Not macht erfinderisch. Wie man aus Armut Überfluß macht, hat Michael Marks vorgeführt. In den 1880er Jahren emigrierte er wegen des zunehmenden Drucks auf die Juden aus dem Zarenreich nach Großbritannien. Dort wurde er fliegender Händler. Weil er kaum Englisch und daher nicht feilschen konnte, verkaufte er seine Waren zum Einheitspreis. Die Idee des Supermarkts war geboren. Doch mit der Handelskette Marks & Spencer ist nicht nur die Vorstellung eines Konsumparadieses für alle verbunden. Sie stand auch Pate für das britische Gesundheitssystem. Zu verdanken hat das Unternehmen diesen Ruf seiner Mitarbeiterin Flora Solomon – einer jüdischen Emigrantin aus dem Zarenreich.


Andrea Huterer
Wir armen Schlawiner
Klagelied eines slavischen Lehnworts

Slavische Lehnwörter im Deutschen sind an einer Hand abzuzählen. Und wenn sie erklingen, sind es nicht immer Ehrentitel. Während der Gentleman angeblich aus dem Westen stammt, kommen die Halunken und Schabracken aus dem Osten auf uns. Grund genug für ein anonym gebliebenes slavisches Lehnwort, ein Klagelied anzustimmen. Andrea Huterer hat es aufgezeichnet.


Karlheinz Kasper
„Rom liegt irgendwo in Rußland. . .“
Russische Literatur in deutschen Übersetzungen 2006

Obwohl die Zahl der Übersetzungen nicht über dem jährlichen Durchschnitt liegt, gibt es einige erfreuliche Tendenzen. So beeindruckt der Mut einiger Verlage, in einer Zeit, die zur Prosa oder gar Sachprosa drängt, Lyrikbände zu produzieren, die nicht nur gute Nachdichtungen vorstellen, sondern durch Anlage und Gestaltung auch dem Auge etwas bieten. Bei den Romanen gibt es Überraschungen und wahre Entdeckungen, zu denen die anspruchsvollen Werke von Leonid Cypkin und Sergej Gandlevskij über die beklemmende Atmosphäre der „Stagnation“ gehören. Der umfangreiche Bestand an neuen russischen Erzählungen bleibt indes mit wenigen Ausnahmen weiterhin außerhalb des Blickfelds deutscher Verlage, die – sicher aus marktwirtschaftlichen Erwägungen – eher auf Krimi und Fantasy setzen.


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