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Aktuelles Heft 08-10/2008

Impulse für Europa.

Tradition und Moderne der Juden Osteuropas

Editorial | 6

Impulse für die Gegenwart

Vorwort | 7

Anderer Blick auf die jüdische Geschichte Europas

Antony Polonsky | 9

Fragile Koexistenz, tragische Akzeptanz

Politik und Geschichte der osteuropäischen Juden

Dietrich Beyrau | 29

Katastrophen und sozialer Aufstieg

Juden und Nicht-Juden in Osteuropa

Topoi der osteuropäischen Juden

Steven Aschheim | 67

Spiegelbild, Projektion, Zerrbild

„Ostjuden“ in der jüdischen Kultur in Deutschland

Gershon Hundert | 83

Die Wucht des Wissens

Die YIVO-Enzyklopädie der osteuropäischen Juden

Micha Brumlik | 97

Vom Obskurantismus zur Heiligkeit

„Ostjüdisches“ Denken bei Buber, Heschel, Levinas

Oleg Budnickij | 111

Die Juden und die Tscheka

Mythen, Zahlen, Menschen

Moyshe Kligsberg | 131

Die jüdische Jugendbewegung in Polen zwischen den Weltkriegen

Heiko Haumann | 147

Schtetl und Judendorf

Grenzüberschreitende Kulturen und Autonomiebewusstsein

Das Erbe der osteuropäischen Juden

Anke Hilbrenner | 165

Bürgerrechte, Multikulturalität und Differenz

Simon Dubnovs Aktualität

Jascha Nemtsov | 183

„Der Skandal war perfekt“

Jüdische Musik in europäischen Kompositionen

Verena Dohrn | 211

„Wir Europäer schlechthin“

Die Familie Koigen im russisch-jüdischen Berlin

Marina Dmitrieva | 233

Spuren des Transits

Jüdische Künstler aus Osteuropa in Berlin

Gertrud Pickhan | 247

Levitan – Gottlieb – Liebermann

Drei jüdische Maler in ihrem historischen Kontext

Tamar Lewinsky | 265

Kultur im Transit

Osteuropäisch-jüdische Displaced Persons

Omry Kaplan-Feuereisen | 279

Im Dienste der jüdischen Nation

Jacob Robinson und das Völkerrecht

Eglė Bendikaitė | 295

Mittler zwischen den Welten

Shimshon Rosenbaum: Jurist, Zionist, Politiker

Manfred Sapper | 303

Den Krieg überwinden

Jan Bloch: Unternehmer, Publizist, Pazifist

Jennifer Young | 313

Generationswechsel

Moyshe Kligsberg und die yugnt-forshung

„Die Kuh auf den Karpaten“ | 321

Jiddische Lyrik aus dem 20. Jahrhundert

Anja Tippner | 331

Bewegung und Benennung

Jüdische Identität bei Il’ja Ėrenburg

Ulrich Schmid | 341

Zwei Seelen in meiner Brust

Kulturelle Doppelidentität bei Mandel’štam, Pasternak und Brodskij

Jüdische Geschichte und transnationale Erinnerung

Anna Lipphardt | 353

Die vergessene Erinnerung

Die Vilner Juden in der Diaspora

Katrin Steffen | 367

Formen der Erinnerung

Juden in Polens kollektivem Gedächtnis

Ansgar Gilster | 387

Der Ort spricht nicht

Fotografieren in Auschwitz

Magdalena Waligórska | 395

Der Fiedler als Feigenblatt

Die Politisierung des Klezmer in Polen

Zofia Wóycicka | 409

1000 Jahre im Museum

Die Geschichte der polnischen Juden

Dmitrij Eljaševič Maksim Mel’cin | 419

Stürmischer Aufschwung

Jüdische Studien in Russland

Semen Čarnyj | 437

Integration und Selbstbehauptung

Die jüdische Gemeinschaft in Russland

Anatolyj Podol’s’kyj | 445

Der widerwillige Blick zurück

Der Holocaust in der ukrainischen Erinnerung

Vytautas Toleikis | 455

Verdrängung, Aufarbeitung, Erinnerung

Das jüdische Erbe in Litauen

Litauische Kapriolen | 465

Die Geschichte, der Rechtsstaat und die Juden

Marlis Sewering-Wollanek | 469

Die Wiederentdeckung der Juden

Tschechische Geschichtsbücher nach 1989

Diana Dumitru | 481

Moldova: Holocaust als Spielball

Der schwierige Umgang mit dem jüdischen Erbe

Péter György | 493

Im Erinnerungsghetto

Das Jüdische Museum in Budapest

Felicia Waldman | 497

Vom Tabu zur Anerkennung

Rumänien, die Juden und der Holocaust

  • Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anna Lipphardt (Hg.):
  • Impulse für Europa. Tradition und Moderne der Juden Osteuropas
  • 552 Seiten, 11 Karten, 64 Abbildungen.
  • Berlin (BWV) 2008 [= OSTEUROPA 8–10/2008]
  • Preis: 32,00 €
  • ISBN: 978-3-8305-1434-3

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Editorial

Wer über das jüdische Leben und das jüdische Erbe spricht, darf von Osteuropa nicht schweigen. Die osteuropäischen Juden stellen ein Muster für Grenzüberschreitung, Transnationalität und den Transfer von Religion, Tradition, Sprache und Kultur dar. Vom 18. Jahrhundert an lebte die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Osteu- ropa. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg verließen etwa 3,5 Millionen jüdische Emigranten ihre Heimat, überwiegend das Russische Reich und das habsburgische Galizien. Diese Emigration war der Ausgangspunkt für die Gründung der neuen jüdi- schen Gemeinden in den USA, in Kanada, Südafrika, Argentinien und in Palästina. Die Mehrheit der amerikanischen Juden blickt auf osteuropäische Vorfahren zurück. In Israel ist es über die Hälfte der jüdischen Bevölkerung. Achtzig Prozent der heute weltweit lebenden Juden haben ihre Wurzeln in Osteuropa. Trotz dieser Massenemigration blieb Osteuropa das Zentrum jüdischen Lebens. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten die meisten europäischen Juden in Polen. 3,5 Millio- nen. jüdische Polen waren eng mit ihren nichtjüdischen Nachbarn in Wirtschaft, Ge- sellschaft und Kultur verflochten. In der Sowjetunion gaben bei einer Volkszählung 1939 über drei Millionen Menschen an, sie seien „jüdischer Nationalität“. Litauen war ein lebendiges Zentrum der religiösen und säkularen jüdischen Kultur. Dieses reiche jüdische Leben in Osteuropa wurde durch den Genozid der Nationalso- zialisten und ihrer Helfer nahezu vollständig ausgelöscht. Bis heute prägt der Holo- caust den Blick auf die jüdische Geschichte. In Deutschland wurden osteuropäische Juden jahrzehntelang nur als „tote Juden“ wahrgenommen. Drastisch formuliert es François Guesnet in diesem Band. Eine solche Sichtweise bedeute implizit eine Fort- führung der totalitären Perspektive der deutschen Herrenmenschen. Wahrgenommen werde lediglich der Völkermord, nicht jedoch das, was durch ihn an individuellen Existenzen, Hoffnungen und Lebensentwürfen ausgelöscht wurde. Genau an diesem Defizit setzt der vorliegende Band an. Er macht das jüdische Erbe in Europas Gegenwart sichtbar. Die Geschichte der osteuropäischen Juden ist nicht die Geschichte einer exotischen, isolierten Minderheit. Juden und Nichtjuden beeinfluss- ten sich gegenseitig. Die osteuropäisch-jüdische Geschichte ist unauflöslich mit der Geschichte Europas verflochten. Doch diese Geschichte ist keine abgeschlossene Vergangenheit. Denken und Handeln osteuropäischer Juden wirken in der Gegenwart fort. Sie geben Impulse für die Musik, die bildende Kunst, die Philosophie, das politi- sche Denken, die Jugendforschung oder das Völkerrecht. Mitunter ist das Denken ungeheuer aktuell. Ein Beispiel sind Simon Dubnovs Überlegungen zum Diaspora- Nationalismus für die multikulturellen Gesellschaften von heute. In diesem Band geht es um mehr als um das Erbe. Er hinterfragt verbreitete Topoi und Klischees, die über osteuropäische Juden kursieren. Er untersucht, welche Stel- lung die Juden in den nationalen Erinnerungskulturen haben. Trotz aller Widerstände und Brechungen wächst auch in Osteuropa die Bereitschaft, das jüdische Leben und Wirken in die eigene Erinnerungskultur zu integrieren. Und schließlich geht es in den Länderstudien immer auch um die lebenden Juden, um die Ansätze einer Renaissance jüdischen Lebens in Osteuropa.
Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anna Lipphardt



Vorwort

Anderer Blick auf die jüdische Geschichte Europas

Der vorliegende Band ist ein gemeinsames Projekt von OSTEUROPA und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Die Stiftung wurde im Jahr 2000 auf Initiative der Bundesrepublik und der deutschen Wirtschaft gegründet, um Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter und andere Opfer der nationalsozialistischen Diktatur zu leisten. Gleichzeitig hat sie den Auftrag, eine gegenwarts- und zukunftsbezogene Auseinandersetzung mit der Geschichte zu fördern. Im Hinblick auf die jüdische Geschichte hat dieser Auftrag eine besondere Dimension. Mit der Ermordung der europäischen Juden verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel, auch die jüdische Geschichte und Kultur auszulöschen. Diese Vernichtungspolitik wirft bis heute ihren Schatten. Jüngst ergab eine Untersuchung deutscher Schulbücher, dass sie deutsch-jüdische Geschichte „defizitär, einseitig und dadurch auch verzerrend“ dar- stellen.1 Sie wird auf die Schoa reduziert. Über die 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland und seine Einflüsse auf Politik, Kultur und Gesellschaft erfahren die Schüle- rinnen und Schüler kaum etwas. Populärwissenschaftliche Darstellungen und Ausstellun- gen sind ähnlich defizitär. So wichtig es ist, die Geschichte des Zivilisationsbruchs der Schoa für jede Menschenbildung zu kennen, so unverzichtbar ist es, jüdische Geschich- te als integralen Bestandteil der deutschen Geschichte zu vermitteln. Diesen Ansatz verfolgt die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit ihrem Leo Baeck Programm. Der vorliegende Band soll dazu anregen, diesen Ansatz auf die europäische Geschichte zu übertragen. Die Analyse der Impulse, welche aus der spezifisch jüdischen Erfahrung für die Entwicklung von Politik, Wissenschaft und Kultur ausgingen, soll zu einer transnationalen Geschichtsperspektive ermuntern und die gängigen Kategorien von Mehrheits- und Minderheitengesellschaft in Europa kritisch beleuchten. Dies bedeutet eine besondere Herausforderung. In der Bundesrepublik Deutschland war die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte lange reduziert auf die Gegen- überstellung von Opfern und Tätern. In Ostmittel- und Osteuropa hat das Bedürfnis nach nationaler Selbstbehauptung in den vergangenen Jahren wenig Raum für multi- ethnische Perspektiven gelassen. Neuere Entwicklungen weisen in eine andere Rich- tung. In Deutschland und in den östlichen Nachbarstaaten sind wissenschaftliche Lehrstühle, Museen, Gedenkstätten und andere Einrichtungen entstanden, die sich mit jüdischen Themen in ihren nationalen und europäischen Beziehungen beschäftigen. Ob diese Entwicklung einen Perspektivwechsel bedeutet, mit dem auch eine Wieder- belebung jüdischen Lebens einhergeht, oder ob es sich dabei um eine realitätsferne Romantisierung jüdischer Kultur handelt, diskutieren die Beiträge im vorliegenden Band.
Gabriele Freitag, Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“



Antony Polonsky

Fragile Koexistenz, tragische Akzeptanz

Politik und Geschichte der osteuropäischen Juden

Die große jüdische Gemeinde in Osteuropa hat eine eigene Geschichte. Im 18. und 19. Jahrhundert zwangen Repressionen und Reformen die Juden, sich an fremde Na- tionen anzupassen. Die Versuche der Integration scheiterten jedoch vielfach und führ- ten zu einer weltanschaulichen Ausdifferenzierung. Als Zionisten, Integrationisten oder Sozialisten verfolgten sie unterschiedliche Wege zur rechtlichen und sozialen Gleichstellung. Im Holocaust wurden die meisten osteuropäischen Juden ermordet. Einige der Überlebenden versuchten, die kommunistischen Nachkriegsgesellschaften mitzugestalten – ohne Erfolg. Antisemitismus und Pogrome zwangen sie in die Emi- gration.



Dietrich Beyrau

Katastrophen und sozialer Aufstieg

Juden und Nicht-Juden in Osteuropa

Die Geschichte der europäischen Juden seit der Emanzipation ist auf zwei Weisen geschrieben worden: als ein sozialer Aufstieg vom Rande der Gesellschaft an die Spitze und als eine Abfolge von Katastrophen. Dies gilt für Osteuropa in besonderem Maße. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten hier über 80 Prozent der aschkenasischen Juden. Ihre Emanzipation führte zum Bruch mit der Tradition, zu Emigration, Akkul- turation und vielfältigen Identitätsentwürfen. Judenfeindschaft und Pogrome blieben ständige Begleiter. Nationale Kräfte in Ostmitteleuropa betrachteten die jüdische Bevölkerung als Störfaktor bei der Nationalstaatsbildung. Die Dynamik und Auf- stiegschancen ließen das sowjetische Moskau für urbane Juden zum „neuen Jerusa- lem“ werden. Der Zivilisationsbruch des Holocaust traf die Juden in Ostmitteleuropa und Osteuropa besonders hart: Heute leben nur noch vier Prozent der Juden weltweit in diesem Raum.



Jascha Nemtsov

Erinnerung als Gratwanderung

Das Erbe der osteuropäischen Juden

Das Wissen über das Leben der osteuropäischen Juden und über die Schoa ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Doch die angemessene Vermittlung der osteu- ropäisch-jüdischen Geschichte und Kultur stellt hohe Anforderungen. Mitunter be- steht die Gefahr, dass die Erinnerung an die Opfer des Holocaust in Kommerz und Kitsch abgleitet und über einer Musealisierung die Renaissance jüdischen Lebens in Vergessenheit gerät. Delphine Bechtel, Michael Brenner, Frank Golczewski, Rachel Heuberger, François Guesnet, Cilly Kugelmann und Anna Lipphardt äußern sich darüber, welche Konsequenzen sie für ihre Arbeit in Museen, Bibliotheken, Lehre und Forschung daraus ziehen.



Steven E. Aschheim

Spiegelbild, Projektion, Zerrbild

„Ostjuden“ in der jüdischen Kultur in Deutschland

Seit der Aufklärung spielte das Bild der „Ostjuden“ für die Selbstdefinition der deut- schen Juden eine wichtige Rolle. Juden aus Osteuropa galten als rückständig. Diese Rückständigkeit schien die Integration der deutschen Juden in die moderne Gesellschaft zu gefährden. Deshalb lehnten sie die „Ostjuden“ ab. Gleichzeitig regte sich kollektive Verantwortung für die „schwächeren Brüder“. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand ein positiver Gegenmythos. Die Ursprünglichkeit der „Ostjuden“ geriet zum Kult. Diese Klischees verraten mehr über das Selbstverständnis der deutschen Juden als über die Realität der osteuropäischen.



Gershon David Hundert

Die Wucht des Wissens

Die YIVO-Enzyklopädie der osteuropäischen Juden

Nach dem Ost-West-Konflikt ist das Interesse an Geschichte und Kultur der osteuro- päischen Juden enorm gewachsen. Der Zugang zu Archiven hat der Forschung neue Möglichkeiten eröffnet. Das Yidisher Visenshaftlikher Institut (YIVO) hat sie ge- nutzt. Über 400 Experten haben die erste Enzyklopädie zum osteuropäischen Juden- tum erarbeitet. Das Ergebnis ist fundamental. Das Werk legt alle Schichten und die Vielfalt jüdischen Lebens in Osteuropa frei. Durch die Arbeit an der Enzyklopädie sind Wissenslücken über das osteuropäische Judentum deutlich geworden. Mehr noch: Das Werk ist implizit ein wissenssoziologisches Kompendium der internationa- len Jewish Studies.



Micha Brumlik

Vom Obskurantismus zur Heiligkeit

„Ostjüdisches“ Denken bei Buber, Heschel, Levinas

Das Denken osteuropäischer Juden ist in der öffentlichen Wahrnehmung mit einem mystischen Schleier umgeben. Die drei Denker Martin Buber, Joshua Heschel und Emmanuel Levinas haben eine „ostjüdische“ Erfahrung, eine existenzphilosophische Ausbildung in Deutschland und die Zeitzeugenschaft des Massenmords an den euro- päischen Juden gemeinsam. Sie verbindet ihre universalistische, auf unmittelbare menschliche Verantwortung zielende Ethik. Deutlicher als bei Buber und Heschel verdanken wir Levinas eine Würdigung dessen, was man als „Ostjudentum“ bezeich- nen könnte.



Oleg Budnickij

Die Juden und die Tscheka

Mythen, Zahlen, Menschen

Der antisemitische Topos des „jüdischen Bolschewismus“ geistert bis heute durch politische Debatten. Paradoxerweise waren es nach der Oktoberrevolution vor allem Juden selbst, die sich fassungslos darüber zeigten, dass Juden im Staatsapparat der Bolschewiki aufsteigen konnten. Dass es tatsächlich in den ersten Jahren nach der Revolution eine Art Wahlverwandtschaft zwischen Juden und der neue Staatsmacht gab, geht aber, anders als oft unterstellt, nicht auf eine ideologische Affinität zurück. Entscheidend waren sozialstrukturelle Gründe: Die Bolschewiki brauchten Beamte, die des Lesens und Schreibens mächtig waren; die Juden mussten nach dem Verbot privatwirtschaftlicher Tätigkeit für ihren Lebensunterhalt sorgen. Falsch ist auch, dass der Anteil der Juden in der Geheimpolizei besonders hoch gewesen sei und dass sie dort Rache an ihren einstigen Peinigern geübt hätten. Die Täter- und die Opferstatistik entziehen diesen Behauptungen den Boden.



Moyshe Kligsberg

Die jüdische Jugendbewegung in Polen zwischen den Weltkriegen

Eine soziologische Studie

Der Erste Weltkrieg hat zu einer Verelendung eines großen Teils der polnischen Ju- den geführt. Die jüdische Jugend schien jeglicher Zukunftschancen beraubt. Doch statt sich dem Schicksal zu fügen, entwickelte sie gerade in dieser Situation die Kraft, gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Bildungshunger, Organisation, Selbsthilfe und Idealismus waren die zentralen Prinzipien, auf die sich die Jugendbe- wegung stützte. Dabei entwickelten die Jugendverbände, ganz gleich welcher Schicht sie entstammten und welcher politischen Richtung sie anhingen, einen spezifischen Lebensstil, zu dem das stete Lesen, der Besuch des Klubhauses und gemeinsame Ausflüge und Lager ebenso gehörten wie die Rehabilitierung der körperlichen Arbeit als prestigeträchtige Tätigkeit.



Heiko Haumann

Schtetl und Judendorf

Grenzüberschreitende Kulturen und Autonomiebewusstsein

Die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Schtetl und Judendorf waren vertraut und fremd zugleich. Grenzüberschreitungen waren üblich, wurden aber durch den Druck von außen, die Juden als „die anderen“ zu betrachten, erschwert. Dieser Druck trug dazu bei, dass Autonomie, Solidarität und jüdisches Selbstbewusstsein einen hohen Stellenwert besaßen. Schtetl und Judendorf unterschieden sich nicht grundsätzlich, was für den Vergleich der Lebenswelten von Juden in Ost- und West- europa relevant ist.



Anke Hilbrenner

Bürgerrechte, Multikulturalität und Differenz

Simon Dubnovs Aktualität

Der russisch-jüdische Historiker Simon Dubnov maß als erster Denker der Diaspora eine identitätsprägende Funktion zu. Aus der Analyse der jüdischen Erfahrung in Osteuropa entwickelte er das Konzept eines „Nationalismus ohne Nationalstaat“: den Diaspora-Nationalismus. Angehörige der Minderheiten sollten in übernationalen Staaten über gleiche Bürgerrechte verfügen wie die Angehörigen der Mehrheit. Durch autonome Gemeinden sollten ihre kulturellen Rechte garantiert werden. Die Nationa- lismusforschung hat Dubnovs Arbeiten weitgehend ignoriert. Doch in den von Multi- kulturalität und Differenz gekennzeichneten Gesellschaften Europas der Gegenwart ist sein Konzept aktuell.



Jascha Nemtsov

„Der Skandal war perfekt“

Jüdische Musik in Werken europäischer Komponisten

Bis in das 19. Jahrhundert wurde jüdische Musik in der europäischen Kultur kaum wahrgenommen oder abschätzig behandelt. Das erste Kapitel einer musikalischen Judaica schufen russische Komponisten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in Russland eine eigene jüdische nationale Schule in der Musik, die später das Schaffen vieler Komponisten in Westeuropa beeinflusste. Nach dem Holocaust wird jüdische Musik nicht nur als Folklore-Element aufgefasst, sondern vielmehr als politisches und moralisches Symbol.



Verena Dohrn

„Wir Europäer schlechthin“

Die Familie Koigen im russisch-jüdischen Berlin

Nach der Oktoberrevolution sammelten sich in Berlin russisch-jüdische Flüchtlinge. Sie bildeten ein ganz eigenes soziokulturelles Milieu. Die Intellektuellen unter ihnen wirkten in der Öffentlichkeit sowie als Mittler zwischen Ost und West. Die leidvollen Erfahrungen der Revolution und die Schwierigkeiten des Lebens im Exil ließen sie zu Vordenkern eines vereinten Europa werden. Einer von ihnen war der Sozialphilosoph David Koigen. Mit seiner Familie erfuhr er aber auch die Kehrseite seines europäi- schen Selbstverständnisses. Er war in der russischen, der jüdischen und der deutschen Welt fremd. Dass Koigen, der einer der bekanntesten Gelehrten Deutschlands war, in Vergessenheit geraten ist, hat mit dieser Stellung zwischen den Kulturen ebenso zu tun wie mit der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden.



Marina Dmitrieva

Spuren des Transits

Jüdische Künstler aus Osteuropa in Berlin

In den 1920er Jahren war Berlin eine Drehscheibe des Kulturtransfers zwischen Ost- europa, Paris und New York. Jüdische Künstler aus Polen, Russland und der Ukraine, wo 1918 die Kultur-Liga gegründet worden war, die aber 1924 von den sowjetischen Behörden gleichgeschaltet wurde, kamen nach Berlin. Unter ihnen waren Nathan Altman, Henryk Berlewi, El Lissitzky, Marc Chagall und Issachar Ber Ryback. Hier wurden sie zu Repräsentanten der Moderne. Gleichzeitig lieferten sie originelle Bei- träge zu einer jüdischen Renaissance. Ihr Schaffen hat in der europäischen Kunstland- schaft unauslöschliche Spuren hinterlassen.



Gertrud Pickhan

Levitan – Gottlieb – Liebermann

Drei jüdische Maler in ihrem historischen Kontext

Die Geschichtswissenschaft hat die Bilder (wieder)entdeckt. Das gilt auch für die Werke von Isaak Levitan, Maurycy Gottlieb und Max Liebermann. Diese drei Maler jüdischer Herkunft sind nahezu Zeitgenossen, doch lebten sie in sehr unterschiedli- chen gesellschaftlichen und politischen Milieus. Liebermann gehörte zum Bürgertum in Deutschland, Gottlieb war als Vertreter der polnischen Judenheit in das ambivalen- te Beziehungsgeflecht von Polen und Juden eingebunden, während Levitan nicht zuletzt durch seine Freundschaft mit Anton Čechov in russische Künstlerkreise inte- griert war. Der Einfluss der unterschiedlichen Lebenswelten auf das Bildprogramm der drei Maler sowie die Rezeption durch Zeitgenossen und Nachwelt illustrieren die Vielfalt jüdischer Identitätskonstruktionen in Europa.



Tamar Lewinsky

Kultur im Transit

Osteuropäisch-jüdische Displaced Persons

Nach dem Holocaust lebte die osteuropäisch-jüdische Kultur ausgerechnet in Deutschland bis in die 1950er Jahre weiter. Tausende Juden aus Osteuropa waren in die amerikanische Besatzungszone geflüchtet. Die sogenannten jüdischen Displaced Persons gründeten Zeitungen, schufen eine reiche Literatur, spielten jiddisches Theater, machten Musik und bauten ein zionistisch orientiertes Schulsystem auf. Sie knüpften an osteuropäisch-jüdische Traditionen an, verarbeiteten aber auch neue Themen und wandten sich neuen künstlerischen Ausdrucksformen zu.



Omry Kaplan-Feuereisen

Im Dienste der jüdischen Nation

Jacob Robinson und das Völkerrecht

Jacob Robinson (1889–1977) verbrachte den größeren Teil seines Lebens in Osteuro- pa. Als Politiker, Minderheitenschützer und Völkerrechtler erwarb er sich bereits in Litauen einen weltweiten Ruf. Von New York aus arbeitete er ab 1941 im Spannungs- feld zwischen spezifisch jüdischen und allgemein gesellschaftlichen Interessen. Mit dem Ziel, den Juden ein nationales Selbstbewusstsein einzuschärfen, hinterließ Ro- binsons Wirken auf völkerrechtlichem und historiographischem Gebiet Spuren in der Geschichte Europas und der Welt.



Eglė Bendikaitė

Mittler zwischen den Welten

Shimshon Rosenbaum: Jurist, Zionist, Politiker

Shimshon Rosenbaum (1859–1934) wuchs in einem litwakischen Umfeld im heutigen Belarus auf und setzte sich zeitlebens als Anwalt und Politiker für die Rechte der Juden ein. Er wirkte in Minsk, Wilna und Kaunas und war im unabhängigen Litauen stellvertretender Außenminister und Minister für jüdische Angelegenheiten. Als ge- mäßigter Zionist stand er im Austausch mit Juden auf der ganzen Welt und versuchte, das osteuropäische Judentum zu modernisieren. Enttäuscht vom wachsenden Antise- mitismus in Europa wanderte er 1924 nach Palästina aus und fungierte dort als Gene- ralkonsul Litauens.



Manfred Sapper

Den Krieg überwinden

Jan Bloch: Unternehmer, Publizist, Pazifist

Jan Bloch ist ein typischer Vertreter der aufstiegsorientierten Juden des 19. Jahrhun- derts. Er arbeitete sich aus ärmlichen jüdisch-ostpolnischen Verhältnissen zu einem der bedeutendsten Unternehmer im Russischen Reich hoch. Während des „geborgten Imperialismus“ finanzierte er dem Staat Eisenbahnstrecken. Blochs größtes Verdienst sind seine Initiativen, den Krieg zu überwinden. Er gab den Anstoß zur Haager Frie- denskonferenz. In seinem fundamentalen Werk „Der Zukunftskrieg“ prognostizierte er die totale Vernichtung durch die industrialisierte Kriegführung. Er forderte den Abschied von Clausewitz und plädierte für Rüstungskontrolle sowie für die Schaffung eines internationalen Gerichtshofs. Diesem Werk gebührt der Platz eines Klassikers in der historischen Friedensforschung.



Jennifer Young

Generationswechsel

Moyshe Kligsberg und die yugnt-forshung

Überzeugt, dass die Persönlichkeit eines Menschen nicht vorbestimmt sei, sondern sich in der Kindheit und Jugend herausbilde, fühlte Moyshe Kligsberg der jüdischen Jugend seiner Zeit den Puls. Seine Erkenntnisse aus der Zwischenkriegszeit sind ein einzigartiger Fundus über das Leben der osteuropäischen Juden. Er stellte fest, dass die Emigration jüdischer Jugendlicher in die USA während des Zweiten Weltkrieges und danach einem Generationswechsel gleichkam. Die Verbundenheit mit der jiddi- schen Kultur und der ausgeprägte Gemeinschaftssinn der polnisch-jüdischen Jugend- lichen der Zwischenkriegszeit sei verlorengegangen. An ihre Stelle sei eine individu- elle Erfolgsorientierung getreten.



Anja Tippner

Bewegung und Benennung

Jüdische Identität bei Il’ja Ėrenburg

Il’ja Ėrenburgs Roman Das bewegte Leben des Lazik Rojtšvanec setzt sich in 38 Episoden mit den Möglichkeiten jüdischer Identität unter den Bedingungen von As- similation, ökonomischem Zwang und Anti-semitismus auseinander. Am Beispiel des Protagonisten und seiner Wanderungen durch Europa und Palästina führt der Text vor, wie jede Gesellschaft und jeder Ort sein eigenes Bild jüdischer Identität hervor- treibt und zugleich wieder zurückweist. Im Spiel mit kursierenden Stereotypen, chas- sidischem Gedankengut und Traditionen entwirft Ėrenburg jüdische Identität als rela- tionales und stets gefährdetes Konstrukt.



Ulrich Schmid

Zwei Seelen in meiner Brust

Kulturelle Doppelidentität bei Mandel’štam, Pasternakund Brodskij

Das lyrische Werk von Osip Mandel’štam, Boris Pasternak und Iosif Brodskij gehört zum innersten Kern der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Alle drei Dichter verfügten über einen jüdischen Familienhintergrund, den sie allerdings in unterschied- lichem Maße verdrängten. Das schwierige Verhältnis zum Judentum bildete einen indes wichtigen Motor für ihr künstlerisches Schaffen: Die Poesie, aber auch die autobiographische Selbstmythisierung der drei Dichter zielte nicht zuletzt auf eine kulturelle Transformation, die das ihrer Ansicht nach stagnierende Judentum in eine reichlich diffus verstandene christliche Weltkultur überführen sollte.



Anna Lipphardt

Die vergessene Erinnerung

Die Vilner Juden in der Diaspora

Wie an die osteuropäischen Juden erinnert wird, rückt immer mehr in den Blickpunkt. Doch wie osteuropäische Juden sich erinnern, ist kaum bekannt Die meisten Holo- caust-Überlebenden kehrten nicht in ihre Heimat zurück, sondern zerstreuten sich in der ganzen Welt. Die jüdischen Landsmannschaften hielten in den Auswanderungs- ländern die Erinnerung an die Heimat und an den Holocaust wach. Das zeigt der Fall der Juden aus Vilnius/Vilne. Ihr Blick auf die Vergangenheit unterscheidet sich we- sentlich von dem jener Juden, die heute noch in Osteuropa leben. Das birgt Konflikt- potential um historische Deutungen und das kulturelle Erbe. Das zeigte der Streit um Materialien des YIVO (Yidisher visnshaftlekher Institut) in Litauen.



Katrin Steffen

Formen der Erinnerung

Juden in Polens kollektivem Gedächtnis

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten über drei Millionen Juden in Polen. In der Schoa wurden fast alle umgebracht. Das Kommunistische Regime unterband, dass an die Juden als besondere Opfergruppe des Holocaust erinnert wurde. Das hat sich seit 1990 zwar geändert. Doch die Erinnerung an die Juden polarisiert die polnische Ge- sellschaft noch immer. Das zeigen die Debatten über Jedwabne und die antisemiti- schen Pogrome in der Nachkriegszeit. Es existiert eine Opferkonkurrenz zwischen Juden und Polen. Im polnischen Gedächtnis wirkt ein mythisch-symbolisches Bild „des Juden“ weiter. Zugleich entsteht an den ehemaligen Orten jüdischen Lebens ein virtuelles Judentum.



Ansgar Gilster

Der Ort spricht nicht

Fotografieren in Auschwitz

Auschwitz kann man höchst unterschiedlich fotografieren. Doch das Bild, das man sich von Auschwitz macht, bleibt unscharf, man findet keine Erklärung für das Ge- schehene. Die höchst unterschiedlichen Bilder eines Fotoseminars in Auschwitz er- zählen die Geschichte einer vergeblichen Annäherung.



Magdalena Waligórska

Der Fiedler als Feigenblatt

Die Politisierung des Klezmer in Polen

Klezmer-Musik ist in Polen sehr populär geworden. Das Jüdische Festival in Krakau hat nationale und internationale Bedeutung gewonnen. Doch es geht um viel mehr als Musik. Das Festival ist zu einem Lackmustest geworden, an dem sich der Wandel der politischen Stimmung und die Einstellung zum jüdischen Erbe in Polen ablesen las- sen.



Zofia Wóycicka

1000 Jahre im Museum

Die Geschichte der polnischen Juden

2011 wird in Warschau das Museum der Geschichte der Polnischen Juden eröffnet. Auf einer Ausstellungsfläche von 4000m2 soll es fast ein Jahrtausend jüdischer Ge- schichte in Polen erzählen. Die Einrichtung wird auch als nationales Kultur- und Bildungszentrum dienen. Das Museum, an dem ein international zusammengesetztes Team von Historikern, Architekten und Ausstellungsdesignern arbeitet, wird zu einer der modernsten musealen Einrichtungen in Europa.



Dmitrij Ėl’jaševič, Maksim Mel’cin

Stürmischer Aufschwung

Jüdische Studien in Russland

Nach einer langen Unterbrechung während der Sowjetzeit haben die Jüdischen Studi- en in Russland seit der Perestrojka einen stürmischen Aufschwung erlebt Es entstan- den Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Zahlreiche Publikationen, wissenschaftliche Institute und Informationszentren befassen sich mit jüdischen The- men. Der Schwerpunkt liegt auf ethnographischen Feldstudien und historischen Untersuchungen speziell zum 20. Jahrhundert. Doch die Jüdischen Studien sind in Russ- lands Wissenschaftsbetrieb noch immer nicht als eigenständiges Fach anerkannt. Die zurückgehende private Finanzierung trifft sie deshalb besonders hart. Und die offiziel- len Schulbücher schweigen bis heute vom jüdischen Erbe in Russland.



Semen Čarnyj

Integration und Selbstbehauptung

Die jüdische Gemeinschaft in Russland

Nach Jahrzehnten der Diskriminierung ist seit der Perestrojka eine Renaissance jüdi- schen Lebens zu beobachten. Trotz einer starken Emigration gibt es ein aktives Ge- meindeleben mit Schulen, Medien, Kultureinrichtungen und Verbänden, die jüdische Interessen wahrnehmen. Der staatliche Antisemitismus gehört der Vergangenheit an.



Anatolyj Podol’s’kyj

Der widerwillige Blick zurück

Judentum und Holocaust in der ukrainischen Erinnerung

Die Ukraine war einst ein Zentrum des osteuropäisch-jüdischen Lebens. Im Holocaust wurden die meisten ukrainischen Juden umgebracht. Damit ging auch die jüdische Kultur unter. In der Sowjetunion geriet sie in Vergessenheit. Während die offizielle ukrainische Erinnerungspolitik das jüdische Erbe ausblendet, bemühen sich Privatleu- te und Organisationen darum, die jüdische Kultur und Geschichte als Teil der ukraini- schen Identität im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dies ist ein schmerzhafter Prozess: Er verlangt den Ukrainern ab, die eigene Verantwortung für die Vernichtung der Juden in ihrem Land anzuerkennen.



Vytautas Toleikis

Verdrängung, Aufarbeitung, Erinnerung

Das jüdische Erbe in Litauen

Wichtige Zentren jüdischen Lebens in Osteuropa lagen auf dem Gebiet des heutigen Litauens. Die Nationalsozialisten und ihre litauischen Helfer ermordeten fast alle Juden. In der Sowjetunion waren das Gedenken an sie und die Pflege des jüdischen Erbes tabu. Dies änderte sich mit Litauens Unabhängigkeit. Doch eine Mitverantwor- tung an der Ermordung der litauischen Juden anzukennen, stößt in Teilen der Politik auf Widerstand. Die Weigerung, mutmaßliche Holocaust-Verbrecher zu verfolgen, ist irritierend. In der Gesellschaft und im Geschichtsbild der jungen Generation nimmt dagegen das jüdische Erbe zunehmend einen festen Platz ein.



Robert B. Fishman

Hauptstadt des Rassismus

In Europas Kulturhauptstadt ermitteln Staatsanwälte gegen ehemalige Anti-Nazi- Partisanen. Mehrere Historiker und US-Kongressabgeordnete bitten die EU- Kommission, ihre Ernennung der litauischen Hauptstadt Vilnius zur Europäischen Kulturhauptstadt 2009 wegen der antijüdischen Stimmungsmache in Litauen zu über- denken. Die Nazis hatten mit Unterstützung ihrer litauischen Helfer zwischen 1941 und 1944 mehr als 94 Prozent der etwa 220 000 litauischen Juden ermordet. In kaum einem anderen Land haben so wenige Juden den Holocaust überlebt.



Marlis Sewering-Wollanek

Die Wiederentdeckung der Juden

Tschechische Geschichtsbücher nach 1989

Die Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern wurde in der Tschechoslowakei unter kommunistischer Herrschaft kaum thematisiert. Seit 1989 beginnt sich dies langsam zu ändern. Die meisten nach dem Umbruch erschienenen Schulbücher igno- rierten allerdings weiter die jüdische Geschichte. Erst ab 1995 wurde jüdischen The- men mehr Platz eingeräumt. Auch das negative Bild des Staates Israel wurde revi- diert. Der Schwerpunkt lag in den Geschichtsbüchern aus diesen Jahren aber auf der Darstellung der Juden als Opfer, insbesondere der Nationalsozialisten. Erst einige Lehrbücher, die im letzten Jahrzehnt erschienen sind, nehmen eine europäische Per- spektive ein und erwähnen die kulturellen und intellektuellen Impulse, die von böh- mischen Juden ausgingen.



Diana Dumitru

Moldova: Holocaust als Spielball

Der schwierige Umgang mit dem jüdischen Erbe

Moldova tut sich schwer, das bedeutende jüdische Erbe Bessarabiens, der Bukowina und Transnistriens angemessen zu würdigen. Noch schwieriger ist es, die Erinnerung an die Opfer der Shoa im kollektiven Gedächtnis zu verankern, wie eine Analyse der Schulbücher zeigt. Das Gedenken an den Holocaust ist zum Spielball einer ge- schichts- und identitätspolitischen Auseinandersetzung geworden. Politiker und Hi- storiker streiten über „Moldowanismus“ oder „Rumänismus“. Dahinter verbirgt sich der Kampf um Moldovas politische Orientierung. Die Erneuerung jüdischen Lebens scheint leichter als die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Erinnerung.



Péter György

Im Erinnerungsghetto

Das Jüdische Museum in Budapest

Ungarn hat die viertgrößte jüdische Gemeinde Europas. Doch davon, dass die Juden einst wie sonst nur in Deutschland in die Gesellschaft integriert waren, ist nichts mehr zu spüren. Das zeigt sich besonders im Jüdischen Museum in der Budapester Innen- stadt. Dort wird die Geschichte der Juden auf religiöse Gegenstände und den Holo- caust reduziert. Dass die Juden integraler Bestandteil der ungarischen Geschichte sind, wird ignoriert. Der Ort ist so von seiner Geschichte abgekoppelt, dass die Besu- cher der Synagoge und des Museums nur erahnen können, dass das Gelände 1944 eine Stätte des Verbrechens war. Bis heute hat es der ungarische Staat nicht für nötig befunden, diese Stelle im ehemaligen Ghetto zu einem offiziellen Gedenkort zu ma- chen.



Felicia Waldman

Vom Tabu zur Anerkennung

Rumänien, die Juden und der Holocaust

Die Existenz von Juden auf dem Gebiet Rumäniens wurde im Kommunismus ver- drängt. Rumäniens Mitverantwortung am Holocaust war ein Tabu. Einen Tiefpunkt stellte Präsident Ion Iliescus Aussage dar, auf rumänischem Territorium habe es den Holocaust nicht gegeben. Erst mit der Einbindung Rumäniens in internationale Orga- nisationen sowie der Einsetzung der Elie-Wiesel-Untersuchungskommission hat sich das Klima verändert. Nun ist Rumänien zunehmend bereit, die Verantwortung anzu- nehmen, der Opfer des Holocaust zu gedenken und das jüdische Erbe in die nationale Erinnerungskultur zu integrieren.



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