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Impulse für Europa.Tradition und Moderne der Juden Osteuropas
Vorwort | 7Anderer Blick auf die jüdische Geschichte Europas
Antony Polonsky | 9Fragile Koexistenz, tragische AkzeptanzPolitik und Geschichte der osteuropäischen Juden
Dietrich Beyrau | 29Katastrophen und sozialer AufstiegJuden und Nicht-Juden in Osteuropa
Topoi der osteuropäischen Juden
Steven Aschheim | 67Spiegelbild, Projektion, Zerrbild„Ostjuden“ in der jüdischen Kultur in Deutschland
Gershon Hundert | 83Die Wucht des WissensDie YIVO-Enzyklopädie der osteuropäischen Juden
Micha Brumlik | 97Vom Obskurantismus zur Heiligkeit„Ostjüdisches“ Denken bei Buber, Heschel, Levinas
Moyshe Kligsberg | 131Die jüdische Jugendbewegung in Polen zwischen den Weltkriegen
Heiko Haumann | 147Schtetl und JudendorfGrenzüberschreitende Kulturen und
Autonomiebewusstsein
Das Erbe der osteuropäischen Juden
Anke Hilbrenner | 165Bürgerrechte, Multikulturalität und DifferenzSimon Dubnovs Aktualität
Jascha Nemtsov | 183„Der Skandal war perfekt“Jüdische Musik in europäischen Kompositionen
Verena Dohrn | 211„Wir Europäer schlechthin“Die Familie Koigen im russisch-jüdischen Berlin
Marina Dmitrieva | 233 Spuren des TransitsJüdische Künstler aus Osteuropa in Berlin
Gertrud Pickhan | 247 Levitan – Gottlieb – LiebermannDrei jüdische Maler in ihrem historischen Kontext
Tamar Lewinsky | 265 Kultur im TransitOsteuropäisch-jüdische Displaced Persons
Eglė Bendikaitė | 295 Mittler zwischen den WeltenShimshon Rosenbaum: Jurist, Zionist, Politiker
Manfred Sapper | 303 Den Krieg überwindenJan Bloch: Unternehmer, Publizist, Pazifist
Jennifer Young | 313 GenerationswechselMoyshe Kligsberg und die yugnt-forshung
Anja Tippner | 331 Bewegung und BenennungJüdische Identität bei Il’ja Ėrenburg
Ulrich Schmid | 341 Zwei Seelen in meiner BrustKulturelle Doppelidentität bei Mandel’štam, Pasternak und Brodskij
Jüdische Geschichte und transnationale Erinnerung
Anna Lipphardt | 353 Die vergessene ErinnerungDie Vilner Juden in der Diaspora
Katrin Steffen | 367 Formen der ErinnerungJuden in Polens kollektivem Gedächtnis
Zofia Wóycicka | 4091000 Jahre im MuseumDie Geschichte der polnischen Juden
Semen Čarnyj | 437Integration und SelbstbehauptungDie jüdische Gemeinschaft in Russland
Vytautas Toleikis | 455Verdrängung, Aufarbeitung, ErinnerungDas jüdische Erbe in Litauen
Litauische Kapriolen | 465 Die Geschichte, der Rechtsstaat und die Juden
Diana Dumitru | 481Moldova: Holocaust als SpielballDer schwierige Umgang mit dem jüdischen Erbe
Péter György | 493Im ErinnerungsghettoDas Jüdische Museum in Budapest
Felicia Waldman | 497Vom Tabu zur AnerkennungRumänien, die Juden und der Holocaust
- Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anna Lipphardt (Hg.):
- Impulse für Europa. Tradition und Moderne der Juden Osteuropas
- 552 Seiten, 11 Karten, 64 Abbildungen.
- Berlin (BWV) 2008 [= OSTEUROPA 8–10/2008]
- Preis: 32,00 €
- ISBN: 978-3-8305-1434-3
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EditorialWer über das jüdische Leben und das jüdische Erbe spricht, darf von Osteuropa nicht
schweigen. Die osteuropäischen Juden stellen ein Muster für Grenzüberschreitung,
Transnationalität und den Transfer von Religion, Tradition, Sprache und Kultur dar.
Vom 18. Jahrhundert an lebte die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Osteu-
ropa. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg verließen etwa 3,5 Millionen jüdische
Emigranten ihre Heimat, überwiegend das Russische Reich und das habsburgische
Galizien. Diese Emigration war der Ausgangspunkt für die Gründung der neuen jüdi-
schen Gemeinden in den USA, in Kanada, Südafrika, Argentinien und in Palästina.
Die Mehrheit der amerikanischen Juden blickt auf osteuropäische Vorfahren zurück.
In Israel ist es über die Hälfte der jüdischen Bevölkerung. Achtzig Prozent der heute
weltweit lebenden Juden haben ihre Wurzeln in Osteuropa.
Trotz dieser Massenemigration blieb Osteuropa das Zentrum jüdischen Lebens. Vor
dem Zweiten Weltkrieg lebten die meisten europäischen Juden in Polen. 3,5 Millio-
nen. jüdische Polen waren eng mit ihren nichtjüdischen Nachbarn in Wirtschaft, Ge-
sellschaft und Kultur verflochten. In der Sowjetunion gaben bei einer Volkszählung
1939 über drei Millionen Menschen an, sie seien „jüdischer Nationalität“. Litauen war
ein lebendiges Zentrum der religiösen und säkularen jüdischen Kultur.
Dieses reiche jüdische Leben in Osteuropa wurde durch den Genozid der Nationalso-
zialisten und ihrer Helfer nahezu vollständig ausgelöscht. Bis heute prägt der Holo-
caust den Blick auf die jüdische Geschichte. In Deutschland wurden osteuropäische
Juden jahrzehntelang nur als „tote Juden“ wahrgenommen. Drastisch formuliert es
François Guesnet in diesem Band. Eine solche Sichtweise bedeute implizit eine Fort-
führung der totalitären Perspektive der deutschen Herrenmenschen. Wahrgenommen
werde lediglich der Völkermord, nicht jedoch das, was durch ihn an individuellen
Existenzen, Hoffnungen und Lebensentwürfen ausgelöscht wurde.
Genau an diesem Defizit setzt der vorliegende Band an. Er macht das jüdische Erbe in
Europas Gegenwart sichtbar. Die Geschichte der osteuropäischen Juden ist nicht die
Geschichte einer exotischen, isolierten Minderheit. Juden und Nichtjuden beeinfluss-
ten sich gegenseitig. Die osteuropäisch-jüdische Geschichte ist unauflöslich mit der
Geschichte Europas verflochten. Doch diese Geschichte ist keine abgeschlossene
Vergangenheit. Denken und Handeln osteuropäischer Juden wirken in der Gegenwart
fort. Sie geben Impulse für die Musik, die bildende Kunst, die Philosophie, das politi-
sche Denken, die Jugendforschung oder das Völkerrecht. Mitunter ist das Denken
ungeheuer aktuell. Ein Beispiel sind Simon Dubnovs Überlegungen zum Diaspora-
Nationalismus für die multikulturellen Gesellschaften von heute.
In diesem Band geht es um mehr als um das Erbe. Er hinterfragt verbreitete Topoi
und Klischees, die über osteuropäische Juden kursieren. Er untersucht, welche Stel-
lung die Juden in den nationalen Erinnerungskulturen haben. Trotz aller Widerstände
und Brechungen wächst auch in Osteuropa die Bereitschaft, das jüdische Leben und
Wirken in die eigene Erinnerungskultur zu integrieren. Und schließlich geht es in den
Länderstudien immer auch um die lebenden Juden, um die Ansätze einer Renaissance
jüdischen Lebens in Osteuropa. Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anna Lipphardt



VorwortAnderer Blick auf die jüdische Geschichte Europas
Der vorliegende Band ist ein gemeinsames Projekt von OSTEUROPA und der Stiftung
„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Die Stiftung wurde im Jahr 2000 auf
Initiative der Bundesrepublik und der deutschen Wirtschaft gegründet, um Zahlungen
an ehemalige Zwangsarbeiter und andere Opfer der nationalsozialistischen Diktatur
zu leisten. Gleichzeitig hat sie den Auftrag, eine gegenwarts- und zukunftsbezogene
Auseinandersetzung mit der Geschichte zu fördern.
Im Hinblick auf die jüdische Geschichte hat dieser Auftrag eine besondere Dimension.
Mit der Ermordung der europäischen Juden verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel,
auch die jüdische Geschichte und Kultur auszulöschen. Diese Vernichtungspolitik wirft
bis heute ihren Schatten. Jüngst ergab eine Untersuchung deutscher Schulbücher, dass
sie deutsch-jüdische Geschichte „defizitär, einseitig und dadurch auch verzerrend“ dar-
stellen.1 Sie wird auf die Schoa reduziert. Über die 1700 Jahre jüdischen Lebens in
Deutschland und seine Einflüsse auf Politik, Kultur und Gesellschaft erfahren die Schüle-
rinnen und Schüler kaum etwas. Populärwissenschaftliche Darstellungen und Ausstellun-
gen sind ähnlich defizitär. So wichtig es ist, die Geschichte des Zivilisationsbruchs der
Schoa für jede Menschenbildung zu kennen, so unverzichtbar ist es, jüdische Geschich-
te als integralen Bestandteil der deutschen Geschichte zu vermitteln. Diesen Ansatz
verfolgt die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit ihrem Leo Baeck
Programm.
Der vorliegende Band soll dazu anregen, diesen Ansatz auf die europäische Geschichte
zu übertragen. Die Analyse der Impulse, welche aus der spezifisch jüdischen Erfahrung
für die Entwicklung von Politik, Wissenschaft und Kultur ausgingen, soll zu einer
transnationalen Geschichtsperspektive ermuntern und die gängigen Kategorien von
Mehrheits- und Minderheitengesellschaft in Europa kritisch beleuchten.
Dies bedeutet eine besondere Herausforderung. In der Bundesrepublik Deutschland
war die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte lange reduziert auf die Gegen-
überstellung von Opfern und Tätern. In Ostmittel- und Osteuropa hat das Bedürfnis
nach nationaler Selbstbehauptung in den vergangenen Jahren wenig Raum für multi-
ethnische Perspektiven gelassen. Neuere Entwicklungen weisen in eine andere Rich-
tung. In Deutschland und in den östlichen Nachbarstaaten sind wissenschaftliche
Lehrstühle, Museen, Gedenkstätten und andere Einrichtungen entstanden, die sich mit
jüdischen Themen in ihren nationalen und europäischen Beziehungen beschäftigen.
Ob diese Entwicklung einen Perspektivwechsel bedeutet, mit dem auch eine Wieder-
belebung jüdischen Lebens einhergeht, oder ob es sich dabei um eine realitätsferne
Romantisierung jüdischer Kultur handelt, diskutieren die Beiträge im vorliegenden
Band. Gabriele Freitag, Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ 


Antony PolonskyFragile Koexistenz, tragische AkzeptanzPolitik und Geschichte der osteuropäischen JudenDie große jüdische Gemeinde in Osteuropa hat eine eigene Geschichte. Im 18. und
19. Jahrhundert zwangen Repressionen und Reformen die Juden, sich an fremde Na-
tionen anzupassen. Die Versuche der Integration scheiterten jedoch vielfach und führ-
ten zu einer weltanschaulichen Ausdifferenzierung. Als Zionisten, Integrationisten
oder Sozialisten verfolgten sie unterschiedliche Wege zur rechtlichen und sozialen
Gleichstellung. Im Holocaust wurden die meisten osteuropäischen Juden ermordet.
Einige der Überlebenden versuchten, die kommunistischen Nachkriegsgesellschaften
mitzugestalten – ohne Erfolg. Antisemitismus und Pogrome zwangen sie in die Emi-
gration. 


Dietrich BeyrauKatastrophen und sozialer AufstiegJuden und Nicht-Juden in OsteuropaDie Geschichte der europäischen Juden seit der Emanzipation ist auf zwei Weisen
geschrieben worden: als ein sozialer Aufstieg vom Rande der Gesellschaft an die
Spitze und als eine Abfolge von Katastrophen. Dies gilt für Osteuropa in besonderem
Maße. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten hier über 80 Prozent der aschkenasischen
Juden. Ihre Emanzipation führte zum Bruch mit der Tradition, zu Emigration, Akkul-
turation und vielfältigen Identitätsentwürfen. Judenfeindschaft und Pogrome blieben
ständige Begleiter. Nationale Kräfte in Ostmitteleuropa betrachteten die jüdische
Bevölkerung als Störfaktor bei der Nationalstaatsbildung. Die Dynamik und Auf-
stiegschancen ließen das sowjetische Moskau für urbane Juden zum „neuen Jerusa-
lem“ werden. Der Zivilisationsbruch des Holocaust traf die Juden in Ostmitteleuropa
und Osteuropa besonders hart: Heute leben nur noch vier Prozent der Juden weltweit
in diesem Raum. 


Jascha NemtsovErinnerung als GratwanderungDas Erbe der osteuropäischen JudenDas Wissen über das Leben der osteuropäischen Juden und über die Schoa ist in den
vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Doch die angemessene Vermittlung der osteu-
ropäisch-jüdischen Geschichte und Kultur stellt hohe Anforderungen. Mitunter be-
steht die Gefahr, dass die Erinnerung an die Opfer des Holocaust in Kommerz und
Kitsch abgleitet und über einer Musealisierung die Renaissance jüdischen Lebens in
Vergessenheit gerät. Delphine Bechtel, Michael Brenner, Frank Golczewski, Rachel
Heuberger, François Guesnet, Cilly Kugelmann und Anna Lipphardt äußern sich
darüber, welche Konsequenzen sie für ihre Arbeit in Museen, Bibliotheken, Lehre
und Forschung daraus ziehen. 


Steven E. AschheimSpiegelbild, Projektion, Zerrbild„Ostjuden“ in der jüdischen Kultur in DeutschlandSeit der Aufklärung spielte das Bild der „Ostjuden“ für die Selbstdefinition der deut-
schen Juden eine wichtige Rolle. Juden aus Osteuropa galten als rückständig. Diese
Rückständigkeit schien die Integration der deutschen Juden in die moderne Gesellschaft
zu gefährden. Deshalb lehnten sie die „Ostjuden“ ab. Gleichzeitig regte sich
kollektive Verantwortung für die „schwächeren Brüder“. Anfang des 20. Jahrhunderts
entstand ein positiver Gegenmythos. Die Ursprünglichkeit der „Ostjuden“ geriet zum
Kult. Diese Klischees verraten mehr über das Selbstverständnis der deutschen Juden
als über die Realität der osteuropäischen. 


Gershon David HundertDie Wucht des WissensDie YIVO-Enzyklopädie der osteuropäischen JudenNach dem Ost-West-Konflikt ist das Interesse an Geschichte und Kultur der osteuro-
päischen Juden enorm gewachsen. Der Zugang zu Archiven hat der Forschung neue
Möglichkeiten eröffnet. Das Yidisher Visenshaftlikher Institut (YIVO) hat sie ge-
nutzt. Über 400 Experten haben die erste Enzyklopädie zum osteuropäischen Juden-
tum erarbeitet. Das Ergebnis ist fundamental. Das Werk legt alle Schichten und die
Vielfalt jüdischen Lebens in Osteuropa frei. Durch die Arbeit an der Enzyklopädie
sind Wissenslücken über das osteuropäische Judentum deutlich geworden. Mehr
noch: Das Werk ist implizit ein wissenssoziologisches Kompendium der internationa-
len Jewish Studies. 


Micha BrumlikVom Obskurantismus zur Heiligkeit„Ostjüdisches“ Denken bei Buber, Heschel, LevinasDas Denken osteuropäischer Juden ist in der öffentlichen Wahrnehmung mit einem
mystischen Schleier umgeben. Die drei Denker Martin Buber, Joshua Heschel und
Emmanuel Levinas haben eine „ostjüdische“ Erfahrung, eine existenzphilosophische
Ausbildung in Deutschland und die Zeitzeugenschaft des Massenmords an den euro-
päischen Juden gemeinsam. Sie verbindet ihre universalistische, auf unmittelbare
menschliche Verantwortung zielende Ethik. Deutlicher als bei Buber und Heschel
verdanken wir Levinas eine Würdigung dessen, was man als „Ostjudentum“ bezeich-
nen könnte. 


Oleg BudnickijDie Juden und die TschekaMythen, Zahlen, MenschenDer antisemitische Topos des „jüdischen Bolschewismus“ geistert bis heute durch
politische Debatten. Paradoxerweise waren es nach der Oktoberrevolution vor allem
Juden selbst, die sich fassungslos darüber zeigten, dass Juden im Staatsapparat der
Bolschewiki aufsteigen konnten. Dass es tatsächlich in den ersten Jahren nach der
Revolution eine Art Wahlverwandtschaft zwischen Juden und der neue Staatsmacht
gab, geht aber, anders als oft unterstellt, nicht auf eine ideologische Affinität zurück.
Entscheidend waren sozialstrukturelle Gründe: Die Bolschewiki brauchten Beamte,
die des Lesens und Schreibens mächtig waren; die Juden mussten nach dem Verbot
privatwirtschaftlicher Tätigkeit für ihren Lebensunterhalt sorgen. Falsch ist auch, dass
der Anteil der Juden in der Geheimpolizei besonders hoch gewesen sei und dass sie
dort Rache an ihren einstigen Peinigern geübt hätten. Die Täter- und die Opferstatistik
entziehen diesen Behauptungen den Boden. 


Moyshe KligsbergDie jüdische Jugendbewegung in Polen zwischen den WeltkriegenEine soziologische StudieDer Erste Weltkrieg hat zu einer Verelendung eines großen Teils der polnischen Ju-
den geführt. Die jüdische Jugend schien jeglicher Zukunftschancen beraubt. Doch
statt sich dem Schicksal zu fügen, entwickelte sie gerade in dieser Situation die Kraft,
gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Bildungshunger, Organisation,
Selbsthilfe und Idealismus waren die zentralen Prinzipien, auf die sich die Jugendbe-
wegung stützte. Dabei entwickelten die Jugendverbände, ganz gleich welcher Schicht
sie entstammten und welcher politischen Richtung sie anhingen, einen spezifischen
Lebensstil, zu dem das stete Lesen, der Besuch des Klubhauses und gemeinsame
Ausflüge und Lager ebenso gehörten wie die Rehabilitierung der körperlichen Arbeit
als prestigeträchtige Tätigkeit. 


Heiko HaumannSchtetl und JudendorfGrenzüberschreitende Kulturen und AutonomiebewusstseinDie Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Schtetl und Judendorf waren
vertraut und fremd zugleich. Grenzüberschreitungen waren üblich, wurden aber durch
den Druck von außen, die Juden als „die anderen“ zu betrachten, erschwert. Dieser
Druck trug dazu bei, dass Autonomie, Solidarität und jüdisches Selbstbewusstsein
einen hohen Stellenwert besaßen. Schtetl und Judendorf unterschieden sich nicht
grundsätzlich, was für den Vergleich der Lebenswelten von Juden in Ost- und West-
europa relevant ist. 


Anke HilbrennerBürgerrechte, Multikulturalität und DifferenzSimon Dubnovs AktualitätDer russisch-jüdische Historiker Simon Dubnov maß als erster Denker der Diaspora
eine identitätsprägende Funktion zu. Aus der Analyse der jüdischen Erfahrung in
Osteuropa entwickelte er das Konzept eines „Nationalismus ohne Nationalstaat“: den
Diaspora-Nationalismus. Angehörige der Minderheiten sollten in übernationalen
Staaten über gleiche Bürgerrechte verfügen wie die Angehörigen der Mehrheit. Durch
autonome Gemeinden sollten ihre kulturellen Rechte garantiert werden. Die Nationa-
lismusforschung hat Dubnovs Arbeiten weitgehend ignoriert. Doch in den von Multi-
kulturalität und Differenz gekennzeichneten Gesellschaften Europas der Gegenwart
ist sein Konzept aktuell. 


Jascha Nemtsov„Der Skandal war perfekt“Jüdische Musik in Werken europäischer KomponistenBis in das 19. Jahrhundert wurde jüdische Musik in der europäischen Kultur kaum
wahrgenommen oder abschätzig behandelt. Das erste Kapitel einer musikalischen
Judaica schufen russische Komponisten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in
Russland eine eigene jüdische nationale Schule in der Musik, die später das Schaffen
vieler Komponisten in Westeuropa beeinflusste. Nach dem Holocaust wird jüdische
Musik nicht nur als Folklore-Element aufgefasst, sondern vielmehr als politisches und
moralisches Symbol. 


Verena Dohrn„Wir Europäer schlechthin“Die Familie Koigen im russisch-jüdischen BerlinNach der Oktoberrevolution sammelten sich in Berlin russisch-jüdische Flüchtlinge.
Sie bildeten ein ganz eigenes soziokulturelles Milieu. Die Intellektuellen unter ihnen
wirkten in der Öffentlichkeit sowie als Mittler zwischen Ost und West. Die leidvollen
Erfahrungen der Revolution und die Schwierigkeiten des Lebens im Exil ließen sie zu
Vordenkern eines vereinten Europa werden. Einer von ihnen war der Sozialphilosoph
David Koigen. Mit seiner Familie erfuhr er aber auch die Kehrseite seines europäi-
schen Selbstverständnisses. Er war in der russischen, der jüdischen und der deutschen
Welt fremd. Dass Koigen, der einer der bekanntesten Gelehrten Deutschlands war, in
Vergessenheit geraten ist, hat mit dieser Stellung zwischen den Kulturen ebenso zu
tun wie mit der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden. 


Marina DmitrievaSpuren des TransitsJüdische Künstler aus Osteuropa in BerlinIn den 1920er Jahren war Berlin eine Drehscheibe des Kulturtransfers zwischen Ost-
europa, Paris und New York. Jüdische Künstler aus Polen, Russland und der Ukraine,
wo 1918 die Kultur-Liga gegründet worden war, die aber 1924 von den sowjetischen
Behörden gleichgeschaltet wurde, kamen nach Berlin. Unter ihnen waren Nathan
Altman, Henryk Berlewi, El Lissitzky, Marc Chagall und Issachar Ber Ryback. Hier
wurden sie zu Repräsentanten der Moderne. Gleichzeitig lieferten sie originelle Bei-
träge zu einer jüdischen Renaissance. Ihr Schaffen hat in der europäischen Kunstland-
schaft unauslöschliche Spuren hinterlassen. 


Gertrud PickhanLevitan – Gottlieb – LiebermannDrei jüdische Maler in ihrem historischen KontextDie Geschichtswissenschaft hat die Bilder (wieder)entdeckt. Das gilt auch für die
Werke von Isaak Levitan, Maurycy Gottlieb und Max Liebermann. Diese drei Maler
jüdischer Herkunft sind nahezu Zeitgenossen, doch lebten sie in sehr unterschiedli-
chen gesellschaftlichen und politischen Milieus. Liebermann gehörte zum Bürgertum
in Deutschland, Gottlieb war als Vertreter der polnischen Judenheit in das ambivalen-
te Beziehungsgeflecht von Polen und Juden eingebunden, während Levitan nicht
zuletzt durch seine Freundschaft mit Anton Čechov in russische Künstlerkreise inte-
griert war. Der Einfluss der unterschiedlichen Lebenswelten auf das Bildprogramm
der drei Maler sowie die Rezeption durch Zeitgenossen und Nachwelt illustrieren die
Vielfalt jüdischer Identitätskonstruktionen in Europa. 


Tamar LewinskyKultur im TransitOsteuropäisch-jüdische Displaced PersonsNach dem Holocaust lebte die osteuropäisch-jüdische Kultur ausgerechnet in
Deutschland bis in die 1950er Jahre weiter. Tausende Juden aus Osteuropa waren in
die amerikanische Besatzungszone geflüchtet. Die sogenannten jüdischen Displaced
Persons gründeten Zeitungen, schufen eine reiche Literatur, spielten jiddisches Theater,
machten Musik und bauten ein zionistisch orientiertes Schulsystem auf. Sie
knüpften an osteuropäisch-jüdische Traditionen an, verarbeiteten aber auch neue
Themen und wandten sich neuen künstlerischen Ausdrucksformen zu. 


Omry Kaplan-FeuereisenIm Dienste der jüdischen NationJacob Robinson und das VölkerrechtJacob Robinson (1889–1977) verbrachte den größeren Teil seines Lebens in Osteuro-
pa. Als Politiker, Minderheitenschützer und Völkerrechtler erwarb er sich bereits in
Litauen einen weltweiten Ruf. Von New York aus arbeitete er ab 1941 im Spannungs-
feld zwischen spezifisch jüdischen und allgemein gesellschaftlichen Interessen. Mit
dem Ziel, den Juden ein nationales Selbstbewusstsein einzuschärfen, hinterließ Ro-
binsons Wirken auf völkerrechtlichem und historiographischem Gebiet Spuren in der
Geschichte Europas und der Welt. 


Eglė BendikaitėMittler zwischen den WeltenShimshon Rosenbaum: Jurist, Zionist, PolitikerShimshon Rosenbaum (1859–1934) wuchs in einem litwakischen Umfeld im heutigen
Belarus auf und setzte sich zeitlebens als Anwalt und Politiker für die Rechte der
Juden ein. Er wirkte in Minsk, Wilna und Kaunas und war im unabhängigen Litauen
stellvertretender Außenminister und Minister für jüdische Angelegenheiten. Als ge-
mäßigter Zionist stand er im Austausch mit Juden auf der ganzen Welt und versuchte,
das osteuropäische Judentum zu modernisieren. Enttäuscht vom wachsenden Antise-
mitismus in Europa wanderte er 1924 nach Palästina aus und fungierte dort als Gene-
ralkonsul Litauens. 


Manfred SapperDen Krieg überwindenJan Bloch: Unternehmer, Publizist, PazifistJan Bloch ist ein typischer Vertreter der aufstiegsorientierten Juden des 19. Jahrhun-
derts. Er arbeitete sich aus ärmlichen jüdisch-ostpolnischen Verhältnissen zu einem
der bedeutendsten Unternehmer im Russischen Reich hoch. Während des „geborgten
Imperialismus“ finanzierte er dem Staat Eisenbahnstrecken. Blochs größtes Verdienst
sind seine Initiativen, den Krieg zu überwinden. Er gab den Anstoß zur Haager Frie-
denskonferenz. In seinem fundamentalen Werk „Der Zukunftskrieg“ prognostizierte
er die totale Vernichtung durch die industrialisierte Kriegführung. Er forderte den
Abschied von Clausewitz und plädierte für Rüstungskontrolle sowie für die Schaffung
eines internationalen Gerichtshofs. Diesem Werk gebührt der Platz eines Klassikers in
der historischen Friedensforschung. 


Jennifer YoungGenerationswechselMoyshe Kligsberg und die yugnt-forshungÜberzeugt, dass die Persönlichkeit eines Menschen nicht vorbestimmt sei, sondern
sich in der Kindheit und Jugend herausbilde, fühlte Moyshe Kligsberg der jüdischen
Jugend seiner Zeit den Puls. Seine Erkenntnisse aus der Zwischenkriegszeit sind ein
einzigartiger Fundus über das Leben der osteuropäischen Juden. Er stellte fest, dass
die Emigration jüdischer Jugendlicher in die USA während des Zweiten Weltkrieges
und danach einem Generationswechsel gleichkam. Die Verbundenheit mit der jiddi-
schen Kultur und der ausgeprägte Gemeinschaftssinn der polnisch-jüdischen Jugend-
lichen der Zwischenkriegszeit sei verlorengegangen. An ihre Stelle sei eine individu-
elle Erfolgsorientierung getreten. 


Anja TippnerBewegung und BenennungJüdische Identität bei Il’ja ĖrenburgIl’ja Ėrenburgs Roman Das bewegte Leben des Lazik Rojtšvanec setzt sich in 38
Episoden mit den Möglichkeiten jüdischer Identität unter den Bedingungen von As-
similation, ökonomischem Zwang und Anti-semitismus auseinander. Am Beispiel des
Protagonisten und seiner Wanderungen durch Europa und Palästina führt der Text
vor, wie jede Gesellschaft und jeder Ort sein eigenes Bild jüdischer Identität hervor-
treibt und zugleich wieder zurückweist. Im Spiel mit kursierenden Stereotypen, chas-
sidischem Gedankengut und Traditionen entwirft Ėrenburg jüdische Identität als rela-
tionales und stets gefährdetes Konstrukt. 


Ulrich SchmidZwei Seelen in meiner BrustKulturelle Doppelidentität bei Mandel’štam, Pasternakund BrodskijDas lyrische Werk von Osip Mandel’štam, Boris Pasternak und Iosif Brodskij gehört
zum innersten Kern der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Alle drei Dichter
verfügten über einen jüdischen Familienhintergrund, den sie allerdings in unterschied-
lichem Maße verdrängten. Das schwierige Verhältnis zum Judentum bildete einen
indes wichtigen Motor für ihr künstlerisches Schaffen: Die Poesie, aber auch die
autobiographische Selbstmythisierung der drei Dichter zielte nicht zuletzt auf eine
kulturelle Transformation, die das ihrer Ansicht nach stagnierende Judentum in eine
reichlich diffus verstandene christliche Weltkultur überführen sollte. 


Anna LipphardtDie vergessene ErinnerungDie Vilner Juden in der DiasporaWie an die osteuropäischen Juden erinnert wird, rückt immer mehr in den Blickpunkt.
Doch wie osteuropäische Juden sich erinnern, ist kaum bekannt Die meisten Holo-
caust-Überlebenden kehrten nicht in ihre Heimat zurück, sondern zerstreuten sich in
der ganzen Welt. Die jüdischen Landsmannschaften hielten in den Auswanderungs-
ländern die Erinnerung an die Heimat und an den Holocaust wach. Das zeigt der Fall
der Juden aus Vilnius/Vilne. Ihr Blick auf die Vergangenheit unterscheidet sich we-
sentlich von dem jener Juden, die heute noch in Osteuropa leben. Das birgt Konflikt-
potential um historische Deutungen und das kulturelle Erbe. Das zeigte der Streit um
Materialien des YIVO (Yidisher visnshaftlekher Institut) in Litauen. 


Katrin SteffenFormen der ErinnerungJuden in Polens kollektivem GedächtnisVor dem Zweiten Weltkrieg lebten über drei Millionen Juden in Polen. In der Schoa
wurden fast alle umgebracht. Das Kommunistische Regime unterband, dass an die
Juden als besondere Opfergruppe des Holocaust erinnert wurde. Das hat sich seit
1990 zwar geändert. Doch die Erinnerung an die Juden polarisiert die polnische Ge-
sellschaft noch immer. Das zeigen die Debatten über Jedwabne und die antisemiti-
schen Pogrome in der Nachkriegszeit. Es existiert eine Opferkonkurrenz zwischen
Juden und Polen. Im polnischen Gedächtnis wirkt ein mythisch-symbolisches Bild
„des Juden“ weiter. Zugleich entsteht an den ehemaligen Orten jüdischen Lebens ein
virtuelles Judentum. 


Ansgar GilsterDer Ort spricht nichtFotografieren in AuschwitzAuschwitz kann man höchst unterschiedlich fotografieren. Doch das Bild, das man
sich von Auschwitz macht, bleibt unscharf, man findet keine Erklärung für das Ge-
schehene. Die höchst unterschiedlichen Bilder eines Fotoseminars in Auschwitz er-
zählen die Geschichte einer vergeblichen Annäherung. 

Magdalena WaligórskaDer Fiedler als FeigenblattDie Politisierung des Klezmer in PolenKlezmer-Musik ist in Polen sehr populär geworden. Das Jüdische Festival in Krakau
hat nationale und internationale Bedeutung gewonnen. Doch es geht um viel mehr als
Musik. Das Festival ist zu einem Lackmustest geworden, an dem sich der Wandel der
politischen Stimmung und die Einstellung zum jüdischen Erbe in Polen ablesen las-
sen. 

Zofia Wóycicka1000 Jahre im MuseumDie Geschichte der polnischen Juden2011 wird in Warschau das Museum der Geschichte der Polnischen Juden eröffnet.
Auf einer Ausstellungsfläche von 4000m2 soll es fast ein Jahrtausend jüdischer Ge-
schichte in Polen erzählen. Die Einrichtung wird auch als nationales Kultur- und
Bildungszentrum dienen. Das Museum, an dem ein international zusammengesetztes
Team von Historikern, Architekten und Ausstellungsdesignern arbeitet, wird zu einer
der modernsten musealen Einrichtungen in Europa. 


Dmitrij Ėl’jaševič, Maksim Mel’cinStürmischer AufschwungJüdische Studien in RusslandNach einer langen Unterbrechung während der Sowjetzeit haben die Jüdischen Studi-
en in Russland seit der Perestrojka einen stürmischen Aufschwung erlebt Es entstan-
den Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Zahlreiche Publikationen,
wissenschaftliche Institute und Informationszentren befassen sich mit jüdischen The-
men. Der Schwerpunkt liegt auf ethnographischen Feldstudien und historischen Untersuchungen
speziell zum 20. Jahrhundert. Doch die Jüdischen Studien sind in Russ-
lands Wissenschaftsbetrieb noch immer nicht als eigenständiges Fach anerkannt. Die
zurückgehende private Finanzierung trifft sie deshalb besonders hart. Und die offiziel-
len Schulbücher schweigen bis heute vom jüdischen Erbe in Russland. 


Semen ČarnyjIntegration und SelbstbehauptungDie jüdische Gemeinschaft in RusslandNach Jahrzehnten der Diskriminierung ist seit der Perestrojka eine Renaissance jüdi-
schen Lebens zu beobachten. Trotz einer starken Emigration gibt es ein aktives Ge-
meindeleben mit Schulen, Medien, Kultureinrichtungen und Verbänden, die jüdische
Interessen wahrnehmen. Der staatliche Antisemitismus gehört der Vergangenheit an. 


Anatolyj Podol’s’kyjDer widerwillige Blick zurückJudentum und Holocaust in der ukrainischen ErinnerungDie Ukraine war einst ein Zentrum des osteuropäisch-jüdischen Lebens. Im Holocaust
wurden die meisten ukrainischen Juden umgebracht. Damit ging auch die jüdische
Kultur unter. In der Sowjetunion geriet sie in Vergessenheit. Während die offizielle
ukrainische Erinnerungspolitik das jüdische Erbe ausblendet, bemühen sich Privatleu-
te und Organisationen darum, die jüdische Kultur und Geschichte als Teil der ukraini-
schen Identität im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Dies ist ein schmerzhafter
Prozess: Er verlangt den Ukrainern ab, die eigene Verantwortung für die Vernichtung
der Juden in ihrem Land anzuerkennen. 


Vytautas ToleikisVerdrängung, Aufarbeitung, ErinnerungDas jüdische Erbe in LitauenWichtige Zentren jüdischen Lebens in Osteuropa lagen auf dem Gebiet des heutigen
Litauens. Die Nationalsozialisten und ihre litauischen Helfer ermordeten fast alle
Juden. In der Sowjetunion waren das Gedenken an sie und die Pflege des jüdischen
Erbes tabu. Dies änderte sich mit Litauens Unabhängigkeit. Doch eine Mitverantwor-
tung an der Ermordung der litauischen Juden anzukennen, stößt in Teilen der Politik
auf Widerstand. Die Weigerung, mutmaßliche Holocaust-Verbrecher zu verfolgen, ist
irritierend. In der Gesellschaft und im Geschichtsbild der jungen Generation nimmt
dagegen das jüdische Erbe zunehmend einen festen Platz ein. 


Robert B. FishmanHauptstadt des Rassismus
In Europas Kulturhauptstadt ermitteln Staatsanwälte gegen ehemalige Anti-Nazi-
Partisanen. Mehrere Historiker und US-Kongressabgeordnete bitten die EU-
Kommission, ihre Ernennung der litauischen Hauptstadt Vilnius zur Europäischen
Kulturhauptstadt 2009 wegen der antijüdischen Stimmungsmache in Litauen zu über-
denken. Die Nazis hatten mit Unterstützung ihrer litauischen Helfer zwischen 1941
und 1944 mehr als 94 Prozent der etwa 220 000 litauischen Juden ermordet. In kaum
einem anderen Land haben so wenige Juden den Holocaust überlebt. 


Marlis Sewering-WollanekDie Wiederentdeckung der JudenTschechische Geschichtsbücher nach 1989Die Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern wurde in der Tschechoslowakei
unter kommunistischer Herrschaft kaum thematisiert. Seit 1989 beginnt sich dies
langsam zu ändern. Die meisten nach dem Umbruch erschienenen Schulbücher igno-
rierten allerdings weiter die jüdische Geschichte. Erst ab 1995 wurde jüdischen The-
men mehr Platz eingeräumt. Auch das negative Bild des Staates Israel wurde revi-
diert. Der Schwerpunkt lag in den Geschichtsbüchern aus diesen Jahren aber auf der
Darstellung der Juden als Opfer, insbesondere der Nationalsozialisten. Erst einige
Lehrbücher, die im letzten Jahrzehnt erschienen sind, nehmen eine europäische Per-
spektive ein und erwähnen die kulturellen und intellektuellen Impulse, die von böh-
mischen Juden ausgingen. 


Diana DumitruMoldova: Holocaust als SpielballDer schwierige Umgang mit dem jüdischen ErbeMoldova tut sich schwer, das bedeutende jüdische Erbe Bessarabiens, der Bukowina
und Transnistriens angemessen zu würdigen. Noch schwieriger ist es, die Erinnerung
an die Opfer der Shoa im kollektiven Gedächtnis zu verankern, wie eine Analyse der
Schulbücher zeigt. Das Gedenken an den Holocaust ist zum Spielball einer ge-
schichts- und identitätspolitischen Auseinandersetzung geworden. Politiker und Hi-
storiker streiten über „Moldowanismus“ oder „Rumänismus“. Dahinter verbirgt sich
der Kampf um Moldovas politische Orientierung. Die Erneuerung jüdischen Lebens
scheint leichter als die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Erinnerung. 


Péter GyörgyIm ErinnerungsghettoDas Jüdische Museum in BudapestUngarn hat die viertgrößte jüdische Gemeinde Europas. Doch davon, dass die Juden
einst wie sonst nur in Deutschland in die Gesellschaft integriert waren, ist nichts mehr
zu spüren. Das zeigt sich besonders im Jüdischen Museum in der Budapester Innen-
stadt. Dort wird die Geschichte der Juden auf religiöse Gegenstände und den Holo-
caust reduziert. Dass die Juden integraler Bestandteil der ungarischen Geschichte
sind, wird ignoriert. Der Ort ist so von seiner Geschichte abgekoppelt, dass die Besu-
cher der Synagoge und des Museums nur erahnen können, dass das Gelände 1944
eine Stätte des Verbrechens war. Bis heute hat es der ungarische Staat nicht für nötig
befunden, diese Stelle im ehemaligen Ghetto zu einem offiziellen Gedenkort zu ma-
chen. 


Felicia WaldmanVom Tabu zur AnerkennungRumänien, die Juden und der HolocaustDie Existenz von Juden auf dem Gebiet Rumäniens wurde im Kommunismus ver-
drängt. Rumäniens Mitverantwortung am Holocaust war ein Tabu. Einen Tiefpunkt
stellte Präsident Ion Iliescus Aussage dar, auf rumänischem Territorium habe es den
Holocaust nicht gegeben. Erst mit der Einbindung Rumäniens in internationale Orga-
nisationen sowie der Einsetzung der Elie-Wiesel-Untersuchungskommission hat sich
das Klima verändert. Nun ist Rumänien zunehmend bereit, die Verantwortung anzu-
nehmen, der Opfer des Holocaust zu gedenken und das jüdische Erbe in die nationale
Erinnerungskultur zu integrieren. 

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