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Staatssymbolik und Geschichtskultur
Politik sehen
Stefan Troebst, Wilfried Jilge | 908
Zur Einführung
Der wiedergekrönte Adler
Polens visuelle Selbstdarstellung
"Hej Slováci"
Symbolische Repräsentation der Slowakei
Symbolwandel und symbolischer Wandel
Kroatiens "Erinnerungskulturen"
Irredentismus als historischer Selbstentwurf
Wissenschaftsdiskurs und Staatssymbolik in der Republik Makedonien
Staatlichkeitskult im Pseudo-Staat
Identitätsmanagement in Transnistrien
Exklusion oder Inklusion?
Geschichtspolitik und Staatssymbolik in der Ukraine
Nationale Symbole in neuen Staaten
Zeichen von Einheit und Spaltung
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Editorial
Politik sehen
Flaggen und Wappen, Hymnen und Märsche sind die politischen Insignien des Zeitalters der in Nationalstaaten verfaßten Massendemokratie. Der nationale und demokratische Aufbruch der Jahre 1989-1991 in Osteuropa hat vor Augen geführt, daß allen Kassandrarufen zum Trotz das Ende des Nationalstaats noch nicht gekommen ist.
Als Symbole der Massendemokratie sind Fahnen und Wappen hochpolitische Zeichen und doch ein Ausdruck unpolitischer Politik. Hochpolitische Symbole sind sie, weil die erste und wichtigste Frage jedweder Demokratie die nach dem demos ist – wer ist das Volk? – und nationale Symbole die Antwort visualisieren. Der Antwort voraus gehen Debatten über das Selbstverständnis der Nation, die in einer säkularisierten Welt immer auf eine historische Legitimation zielen. Unabhängig davon, welche Tradition sie auch beschwören mögen, zeigen die Zeichen der Nation vor allem eines: Legitimation durch Tradition. Transparent und wahrhaft demokratisch verlief die Suche nach der Nation dort, wo zum einen die Argumente verschiedener Gruppen in einem freien und fairen Wettbewerb zueinander standen, in dem die Bürger in Wahlen darüber entscheiden konnten, welche der angebotenen historischen Identitäten sie auch als die ihre erkannten und anerkannten.
Gleichzeitig sind nationale Symbole unpolitisch, weil sie eine komplexe Welt auf zwei-drei Farben und ein Wappentier reduzieren. Zudem bleibt nicht selten denen, die sich zu der Ausdrucksseite der Symbole bekennen, die Inhaltsseite fremd. Solche Symbole sind visuell, also stumm, sie transportieren Botschaften, erlauben aber keinen Widerspruch. Sie vermitteln keine Argumente, sie fordern ein Glaubensbekenntnis. Das Politische hingegen ist verbal, es ist Rede und Gegenrede. Die Tiere, die Wappen zieren, stehen nicht für Dialog und Verständigung, sie symbolisieren Herrschaft: Adler und Löwe der Kaiser der Lüfte und der König des Landes – zieren etliche Wappen. Welcher Staat schmückt sich mit Reh oder Schmetterling? Bisweilen löst sich gar die Ausdrucksseite von Symbolen aus dem Verbund mit der Inhaltsseite. Dann erhalten Fahnen und Wappen einen sakralen Charakter, mitunter werden sie zum Fetisch. Am deutlichsten ist dies, wo reale Ohnmacht kompensiert wird durch die haßgeladene symbolische Verbrennung der Fahne des Feindes.
Lange haben Politikwissenschaft und Geschichtswissenschaft die visuelle Selbstdarstellung von Politik wenig beachtet. Solange das Erkenntnisinteresse auf das „Was?“ und „Warum?“ zielte, also die Frage nach den materiellen Interessen von Politik und kausalen Zusammenhängen im Vordergrund stand, versprachen schriftliche Quellen die ergiebigsten zu sein. Erst als die Kulturwissenschaften begannen, auch nach dem „Wie?“ zu fragen, rückten auch Bilder und Symbole der Macht ins Zentrum des Interesses. Osteuropa trägt mit der vorliegenden Nummer dieser berechtigten Forderung nach einer Erweiterung des Blickwinkels Rechnung und bricht wieder mit einer Tradition. Zum ersten Mal in den 53 Jahren ihres Erscheinens enthält Osteuropa einen farbigen Bildteil, der es dem Leser und der Leserin erlaubt, zum Seher bzw. zur Seherin zu werden und die im Textteil analysierten Flaggen und Wappen, Denkmäler und Bauten zu betrachten.
Manfred Sapper, Volker Weichsel 

Arnold Bartetzky
Der wiedergekrönte Adler
Polens visuelle Selbstdarstellung
Mit dem Umbruch von 1989/1990 wurde Polen ähnlich wie die übrigen Staaten Ostmitteleuropas mit der Aufgabe konfrontiert, das staatliche Selbstverständnis neu zu bestimmen und die wiedererlangte Souveränität darzustellen. Der Beitrag wirft Schlaglichter auf ein breites Spektrum von Trägern und Medien visueller Repräsentation des Staates. Als deren Grundzüge werden vor allem die legitimatorische Betonung der staatlichen Tradition, die aus kommunistischer Zeit geerbte Vorliebe für die militärisch-martyriologische Thematik und die landestypische starke Präsenz religiöser Motive herausgestellt. 

Silvia Miháliková
„Hej Slováci“
Symbolische Repräsentation der Slowakei
Der Beitrag untersucht, wie das Bild des neuen Staates nach der Teilung der Tschechoslowakischen Föderation 1993 konstruiert wurde. Er konzentriert sich auf die Rhetorik des entstehenden Regimes, die Hauptzüge der Politik der Erinnerung und der Umformulierung grundlegender historischer Mythen. Er beschäftigt sich mit den Versuchen, den Bruch mit der Vergangenheit durch Umbenennung öffentlicher Plätze und Entfernung kommunistischer Denkmäler zu symbolisieren. Schließlich wird die historische Kontinuität in den offiziellen Staatssymbolen Flagge und Wappen aufgezeigt. 

Maja Brkljačić, Holm Sundhaussen
Symbolwandel und symbolischer Wandel
Kroatiens „Erinnerungskulturen“
Die Umkodierung der kroatischen Staatssymbole und der „Erinnerungskultur“ stand im Zeichen des Systemwechsels, des jugoslawischen Staatszerfalls und nationaler Abgrenzung auf der einen sowie des Strebens nach innerkroatischer „Versöhnung“ und nationaler Kontinuität auf der anderen Seite. Emotional aufgeladen wurde sie durch die postjugoslawischen Kriege (1991-95) und die damit verbundenen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit unmöglich machten. 

Christian Voss
Irredentismus als historischer Selbstentwurf
Wissenschaftsdiskurs und Staatssymbolik in der Republik Makedonien
Seit 1991 wird die sozialistisch-jugoslawische „Brüderlichkeit und Einigkeits“-Ideologie in Makedonien schrittweise durch ein auf die Antike und osmanische Territorialgrenzen fixiertes großmakedonisches Raumkonzept und ein potentiell irredentistisches Selbstverständnis abgelöst. Der Regierungswechsel von 1998 und die Eskalation des Konfliktes mit den makedonischen Albanern in den Jahren 20002001 trieben diese Tendenz voran. Die 1992 als Staatswappen aus der Diaspora in den USA importierte „makedonische Sonne“ steht dabei als Symbol für die zentrale Rolle Ägäis-Makedoniens bei der postjugoslawischen ethnonationalen Neubestimmung Makedoniens. Subtext der griechisch-makedonischen Kontroverse um den Alexander-Mythos ist die Repatriierungsfrage der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Griechenland von 1948-1949. 

Stefan Troebst
Staatlichkeitskult im Pseudo-Staat
Nationales Identitätsmanagement durch Geschichtspolitik in Transnistrien
Stützpfeiler des Staatlichkeitsstrebens der gesellschaftlichen Akteure in der 1990 proklamierten Transnistrischen Moldauischen Republik im Ostteil der Republik Moldau sind eine auf Besitzstandswahrung bedachte Regionalelite, das wirtschaftliche Potential dieser hochindustrialisierten Region sowie mit politischer Unterstützung Moskaus erworbene militärische Machtmittel. Hinzu kommt die normative Kraft des faktischen Bestehens der abtrünnigen Republik samt neuen regionalbezogenen Identifikationsprozessen. Seit Mitte der 1990er Jahre gewinnt eine weitere Säule an Bedeutung: regionalistisches Identitätsmanagement mittels einer auf Schaffung eines „transnistrischen Volkes“ zielenden Geschichtspolitik. Zentrale Komponenten sind eine sowjetisch inspirierte staatliche Symbolsprache, ein geopolitisch, historisch, sprachlich, kulturell und zunehmend auch religiös unterfüttertes „großrussisches“ mental mapping, ein von Berufshistorikern maßgeschneidertes regionalisiertes Geschichtsbild, eine auf die „heroischen“ Anfangsjahre bezogene Erinnerungspolitik sowie ein Personenkult um Präsident Igor’ N. Smirnov. Demoskopische Daten und Wahlergebnisse deuten darauf hin, daß der aufwendige Staatlichkeitskult nicht ohne Wirkung ist. 


Wilfried Jilge
Exklusion oder Inklusion?
Geschichtspolitik und Staatssymbolik in der Ukraine
In der ukrainischen Gesellschaft ist immer noch umstritten, welche Kriterien die Grundlage für die Definition einer „ukrainischen Nation“ bilden könnten. Eine wesentliche Bedeutung kommt dabei der Konstruktion nationaler Geschichtsbilder zu, aus denen grundlegende Werte und politische Optionen als Orientierung für die Zukunft abgeleitet werden sollen. In diesem Beitrag werden vor allem am Beispiel der Diskussionen um das Staatswappen der Ukraine zentrale Elemente des nationalen Selbstbildes herausgearbeitet. Außerdem wird untersucht, wie die Bedeutungen der den Staatssymbolen zugrundeliegenden nationalen Geschichts- und Selbstbilder vor dem Hintergrund der regional unterschiedlichen Erinnerungskulturen der Ukraine in den letzten Jahren von der staatlichen Führung modifiziert wurden. 

Pål Kolstø
Nationale Symbole in neuen Staaten
Zeichen von Einheit und Spaltung
In bezug auf symbolische Nationenbildung besteht ein Unterschied zwischen etablierten und nicht etablierten Staaten. In den ersteren einen Fahnen und andere nationale Symbole die Nation. In letzteren fungieren sie kaum als Promotor nationaler Einheit. Statt dessen lassen sie die tiefen Gräben in der vermeintlichen Nation erst offensichtlich werden. Staatliche Symbole besitzen keine inhärenten Merkmale, wegen derer sie abgelehnt werden. Das spaltende bzw. einende Potential eines neuen Staatssymbols hängt vielmehr davon ab, womit es assoziiert und wie es politisch instrumentalisiert werden kann. Dies wird an den Fällen Makedonien, Bosnien-Hercegovina, Belarus und Rußland untersucht. 

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