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Heft 03/2005
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Der Raum als Wille und Vorstellung
Erkundungen über den Osten Europas

Der Mensch, die Zeit und der Raum

Die Wiederkehr des Raums – auch in der Osteuropakunde

Integration durch Verkehr.
Herrschaft im Habsburger Reich

Imperiale Raumerschließung.
Beherrschung der russischen Weite

Raum – Macht – Geschichte.
Making Sense of Soviet Space

Kategorien des Räumlichen.
Alexander von Humboldts Russlandreise

Ein "Indien im Nebel".
Alfons Paquet und das revolutionäre Russland

Slavische Rückkehr in den Westen.
Polens Grenzen im Werk Zygmunt Wojciechowskis

Die Souveränität Polens.
Zum deutsch-polnischen Historikerdialog

Ostforschung und Gebietsansprüche.
Die Legitimation territorialer Expansion im Werk Peter-Heinz Seraphims

Der Garten im zarischen Russland.
Wechselspiel von Raum und Text

Raum(ge)schichten.
Der Gor’kij-Park im frühen Stalinismus

Weites Land, kleine Heimat.
Der Raum und Sprache im neuen Russland
  • Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
  • Raum als Wille und Vorstellung. Erkundungen über den Osten Europas.
  • 184 Seiten, 21 Abbildungen, 6 Karten
  • Berlin (BWV) 2005
    [= Osteuropa 3/2005]
  • Preis: 15,00 Euro
  • ISBN: 3-8305-0968-5

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Editorial
Der Mensch, die Zeit und der Raum

Wer über den Menschen redet, stößt auf Aufmerksamkeit. Wer über die Zeit nachdenkt, erntet Anerkennung für seine Beobachtungsgabe und diagnostische Schärfe. Doch wer vom Raum schreibt, steht unter Verdacht. Zu stark erscheint der Raum als Altlast, als giftige Ablagerung in den Tiefenschichten kollektiver Erinnerung aus dem Zeitalter des Imperialismus und – gerade in Deutschland – aus dem nationalsozialistischen Diskurs. Der „Deutsche Osten“, „Ostraum“ oder „Lebensraum“ haben das Terrain nachhaltig vergiftet, so daß jeder, der über Raum und Raumverhältnisse nachdenkt, unter einer Begründungspflicht zu stehen scheint. Selbst Karl Schlögel, der in den vergangenen Jahren mit seinen zu Recht vielgelesenen Studien über Moskau, die Petersburger Moderne, das russische Berlin oder die Stadträume in Ostmitteleuropa und Osteuropa mehr zur Osterweiterung des europäischen Denkens geleistet hat als so manche PR-Kampagne, ist dieser Pflicht nicht enthoben. In der Vorrede zu seinem Buch Im Raume lesen wir die Zeit hebt er zu einer solchen Begründung an, welche Motive es sind, die ihm bei seinen mikroskopischen Feldstudien die Feder führen: „Immer erwies sich der Ort als der angemessenste Schauplatz und Bezugsrahmen, um sich eine Epoche in ihrer ganzen Komplexheit zu vergegenwärtigen. Der Ort hatte ein Vetorecht gegen die von der Disziplin und von der arbeitsteiligen Forschung favorisierte Parzellierung und Segmentierung des Gegenstands.“ Einer Zeitschrift wie Osteuropa, deren Interdisziplinarität Programm ist, um gegen die akademische Selbstbiotopisierung und den drohenden Sprachverlust zwischen den Fakultäten zu wirken, steht es gut an, dieses Vetorecht zu überprüfen und Erkundungen im Osten Europas anzustellen. Denn es ist so banal wie wichtig: Die Zeit und der Raum sind fundamentale Kategorien, die das individuelle, gesellschaftliche, politische und damit auch das geschichtliche Sein des Menschen bestimmen. Der Raum als Wille und Vorstellung prägt Wirtschaft und Handel, bestimmt die Konstitution von Herrschaft sowie die Form und Ausübung von Macht, kurzum: Er beeinflußt soziales Handeln in allen Dimensionen. Dies zeigen die mikro- und makrohistorischen Studien in diesem Heft.
Manfred Sapper, Volker Weichsel


Karl Schlögel
Die Wiederkehr des Raums – auch in der Osteuropakunde

In den Gesellschaftswissenschaften und der Geschichtswissenschaft lagen Raumverhältnisse jahrzehntelang im toten Winkel der Aufmerksamkeit. Die Beschäftigung mit dem Raum stand unter Verdacht. In Deutschland war sie durch den faschistischen Diskurs kontaminiert. Erst seit den Umwälzungen von 1989 und der Globalisierung gewinnt der Raum als zentrale Dimension geschichtlicher Erfahrung an Aufmerksamkeit. Dabei geht es nicht um die Neuaufnahme eines Denkens, das geographische Determinismen propagierte und das Räumliche essentialisierte, sondern um die Einübung einer räumlich geschärften Wahrnehmung. Erst diese gestattet es, die Komplexität, die Orten und Räumen inhärent ist, zu erfassen. Sozial- oder strukturgeschichtliche Probleme, Phänomene wie Herrschaft, Machtbildung und Machtausübung lassen sich nur erklären, wenn die Dimension des Räumlichen mitgedacht wird. So verstanden wird aus dem vermeintlichen Bonmot „Rußland ist groß“ eine epistemische Weichenstellung nicht nur für die Osteuropäische Geschichte, sondern für alle Disziplinen, die sich mit Osteuropa beschäftigen.


Andreas Helmedach
Integration durch Verkehr
Das Habsburger Reich

Die Entwicklung des Verkehrs und der Kommunikation im 19. Jahrhundert ist Teil der nachholenden Modernisierung des Habsburgerreiches. Zur politischen und ökonomischen Integration ihrer Länder hatte die Monarchie im 18. Jahrhundert auf den Chausseeausbau gesetzt. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Verkehrsplaner auf die englische Eisenbahn aufmerksam. Große Eisenbahnbauten vertieften die ökonomische Integration der Habsburgermonarchie. Der Eisenbahnbau wirkte als Konjunkturmotor. Vom Ausbau profitierten Bauwirtschaft, Eisenindustrie, Maschinenbau und Kohlebergwerke. Für Kohle und Agrarprodukte entstand ein monarchieweiter „gemeinsamer Markt“. Schon bald schufen habsburgische Ingenieure Lokomotiven von Weltrang. Bis zur Jahrhundertwende wurde die Monarchie mit einem engmaschigen Telegraphenund Telefonleitungsnetz überzogen. Das beschleunigte den Informationsfluß und stärkte integrative wie auch desintegrative Kräfte.


Frithjof Benjamin Schenk
Imperiale Raumerschließung
Die Beherrschung der russischen Weite

Der Aufbau moderner Kommunikationsnetze im 19. Jahrhundert hatte für das Rußländische Reich große politische Bedeutung. Eisenbahn und Telegraphie erleichterten die Ausübung imperialer Macht über das größte Kontinentalreich der Erde und schweißten das Land zu einem Kommunikationsraum zusammen. Diese Entwicklung trug jedoch auch zur Destabilisierung imperialer Herrschaft bei. Arbeiter und Angestellte von Eisenbahn und staatlichem Telegraph repräsentierten nicht nur eine quantitativ mächtige soziale Gruppe. Sie übten auch die Kontrolle über die Kommunikationsadern des Imperiums aus. Nicht zuletzt ihre Beteiligung am Generalstreik von 1905 führte zum partiellen Erfolg der ersten landesweiten russischen Revolution.


Klaus Gestwa
Raum – Macht – Geschichte
Making Sense of Soviet Space

Wer den Stalinismus als enthemmte Moderne versteht, dem liefert die Geschichte technologischer Großprojekte gute Argumente. Ihre Realisierung zielte auf die Schaffung realer und imaginierter Räume, um damit Mythen zu produzieren, auf denen der Parteistaat seine Macht aufbaute. Landkarten, Ausstellungen und narrative Abbreviaturen dienten als wichtige Hilfsmittel, um die Sowjetmenschen von der neuen Räumlichkeit des Sozialen zu überzeugen und das kollektive Gedächtnis neu zu verorten. Die Ästhetisierung von Raum und Technik verdeckte die Unfertigkeit der stalinistischen Moderne. Der Übermacht des gestalteten Raums standen Formen gesellschaftlicher Raumaneignung entgegen. Der imperiale Raum blieb darum mehr artifizielle Oberfläche als gefestigte Tiefenstruktur.


Jörg Stadelbauer
Kategorien des Räumlichen
Alexander von Humboldts Rußlandreise

Humboldts Rußlandreise von 1829 trat immer hinter seine Südamerika- Expedition zurück, unter anderem wegen der spärlichen Zeugnisse. Im Vorfeld von Humboldts Alterswerk Kosmos verdient sie jedoch Beachtung, weil sie den Gelehrten nicht nur als Naturwissenschaftler zeigt, sondern auch sein politisches Denken verdeutlicht. In Humboldts Wahrnehmung räumlicher Phänomene wie Weite des Raumes, Höhenstufung der Gebirge, ressourcenorientierte Wirtschaft, ethnische Differenzierung und sozioökonomische Disparitäten treten beide Aspekte nebeneinander. Damit kann Humboldt zu den Vordenkern einer Politischen Geographie gerechnet werden.


Gerd Koenen
Ein „Indien im Nebel“
Alfons Paquet und das revolutionäre Rußland

Die Biographie des Frankfurter Journalisten und Schriftstellers Alfons Paquet steht repräsentativ für die virulente Unterströmung einer emphatischen „Ostorientierung“, die die Kehrseite der Entfremdung Deutschlands vom Westen in der Weltkriegsperiode bildete. Der deutsche „Rußland- Komplex“ war keineswegs nur von Ängsten und Phobien, sondern mindestens so sehr von gegenseitigen Attraktionen und Beauftragungen bestimmt – gerade auch nach der Revolution von 1917.


Markus Krzoska
Slavische Rückkehr in den Westen
Polens Grenzen im Werk Zygmunt Wojciechowskis

Der polnische Historiker Zygmunt Wojciechowski zählte zu den wichtigsten Repräsentanten des geopolitischen Diskurses der nationalen Rechten vor 1945. Sein Konzept für sichere Grenzen des polnischen Staates, das an Überlegungen Roman Dmowskis anknüpfte, stützte sich vor allem auf die ehemaligen piastischen Gebiete im Westen. Nach der deutschen Niederlage sah er die Verwirklichung dieses Modells mit Hilfe Moskaus und der polnischen Kommunisten näherrücken und entschloß sich, diese Kräfte zu unterstützen. Als Gründungsdirektor des Posener Instytut Zachodni versuchte er seine Vorstellungen von den „wiedergewonnenen Gebieten“ in die Gesellschaft hineinzutragen. Trotz Verfolgung und Bespitzelung diente er paradoxerweise dem neuen System als eine Art Transmissionsriemen in bürgerliche Schichten.


Błażej Białkowski
Die Souveränität Polens
Zum deutsch-polnischen Historikerdialog

Der deutsch-polnische Historikerdialog ist seit der Aufklärung von politischer Schärfe geprägt. Zwischen den Weltkriegen erreichte die Radikalisierung einen Höhepunkt. Exemplarisch ist die Debatte über die Anfänge und die Souveränität des mittelalterlichen polnischen Staates. Der Topos der territorialen Abhängigkeit Großpolens vom Deutschen Reich im 10. Jahrhundert hat instrumentelle Bedeutung für die Bejahung oder die Leugnung der Existenzberechtigung eines souveränen Polen im 20. Jahrhundert.


Hans-Christian Petersen
Ostforschung und Gebietsansprüche
Die Legitimation territorialer Expansion im Werk Peter-Heinz Seraphims

Einer der führenden Vertreter der deutschen Ostforschung war Peter- Heinz Seraphim. An seinem Werk lassen sich die für Deutschland reklamierten Räume sowie die Legitimation dieser Ansprüche untersuchen. Eng verbunden damit ist die Frage nach Seraphims wissenschaftlichem Selbstverständnis und der Wissenschaftlichkeit der Ostforschung. Seraphims Werk ist methodisch, inhaltlich und kategorial von einer Kontinuität im Denken gekennzeichnet, obwohl der Untergang des Dritten Reichs auch für ihn eine Zäsur darstellte.


Anna Ananieva
Der Garten im zarischen Rußland
Wechselspiel von Raum und Text

Wissenspoetische Konzepte des Gartens entstehen im Spannungsfeld zwischen Raum und Text. An den zarischen Gartenanlagen des späten 17. und 18. Jahrhunderts läßt sich das Wechselspiel von Raumgestaltung und poetischer Verarbeitung untersuchen. Der Bogen spannt sich von der ornamental-dekorativen Ordnung der Gärten in Moskau über die architektonische Ordnung der Gärten in Petersburg zu den höfischen Repräsentationsstrategien des regulären Gartens sowie seiner symbolischen Konstruktion in der Dichtung. Die Abfolge von modifizierten Raumauffassungen kulminiert in der Verbreitung des Landschaftsgartens.


Katharina Kucher
Raum(ge)schichten
Der Gor’kij-Park im frühen Stalinismus

Der Zentrale Kultur- und Erholungspark in Moskau war ein bedeutender gesellschaftlicher Raum im Stalinismus der 1930er Jahre. Sein Stellenwert läßt sich anhand der verschiedenen Planungsetappen zur Gestaltung des Geländes rekonstruieren. Die inhaltliche Besetzung des Parks ging Hand in Hand mit der herrschafts- und gesellschaftspolitischen Entwicklung im Lande und definierte diesen Raum entsprechend. Am Beispiel des Exports der Institution Kulturpark zeigt sich die auf Homogenität und Uniformität ausgerichtete Raum- und Sozialpolitik des sowjetischen Regimes.


Vladislava Ždanova
Weites Land, kleine Heimat
Raum und Sprache im neuen Rußland

Die Verschiebung der Grenzen nach der Auflösung der UdSSR und ihre Auswirkungen schlagen sich im Bewußtsein der „einfachen Menschen“ nieder. Linguistische Feldstudien belegen dies. Die metaphysische Wahrnehmung des Raumes verändert sich. Grundbegriffe räumlicher Identität wie Heimat (rodina, malaja rodina), Ausland (zagranica), die Fremde (cužbina), ethnische und kulturelle Zugehörigkeit (russkij, rossijskij) werden mit anderen Inhalten und Assoziationen gefüllt. Während räumliche Grenzen im sowjetischen Diskurs auf einer horizontalen Ebene, etwa einer geographischen oder politisch-administrativen, behandelt wurden, verschiebt sich die mentale Konstruktion von Grenzen nun in vertikaler Richtung. Grenzen werden durch eine hierarchische Anordnung von wertbesetzten Größen wie sprachlicher, sozialer, politischer und ethnischer Zugehörigkeit bestimmt.


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