Aktuelles Heft  Archiv  Bestellen  DGO  Pressestimmen  Über OSTEUROPA  Impressum
Sie sind hier: Startseite  Archiv  2005  Heft 04-05-06/2005 Dienstag, 7. Oktober 2008
Heft 04-05-06/2005
2008
2007
2006
2005
 Heft 12/2005
 Heft 11/2005
 Heft 10/2005
 Heft 09/2005
 Heft 08/2005
 Heft 07/2005
 Heft 04-05-06/2005
 Heft 03/2005
 Heft 02/2005
 Heft 01/2005
2004
2003
2002
Dossiers
Karten
Andere Publikationen

Kluften der Erinnerung
Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg

Vergangenheit ist mehr als Geschichte

Die Gegenwart der Vergangenheit
Geschichte als Arena der Politik

Erinnerungsschübe
Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik Deutschland

Vom Beschweigen zum Erinnern
Shoah und 2 Weltkrieg im politischen Bewußtsein der BRD

Unversöhnliche Erinnerung
Krieg, Stalinismus und die Schatten des Patriotismus

Die Fesseln des Sieges
Rußlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg

Staatsbesuche
Internationalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Rußland und Deutschland

Gespaltene Erinnerung
Der Zweite Weltkrieg im historischen Bewußtsein der Ukraine

Erinnerungsfacetten

Die „deutsche Katastrophe“?
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland

Aufarbeitung der Vergangenheit?
Der Grosse Vaterländische Krieg in der Historiographie der UdSSR und Rußlands

Hitlers Wehrmacht
Etappen der Auseinandersetzung mit einer Legende

Nebenkriegsschauplatz der Erinnerung
Die Blockade Leningrads im Gedächtnis der Deutschen

Shoah:Gedenken verboten!
Der weite Weg vom Sowjettabu zur Erinnerung

Deutscher auf Abruf
Vom Schwarzbuch zur Jungen Garde

Vergangenheitsbewältigungsrituale
Die Rückkehr der toten Juden und das Verschwinden der lebenden Juden: Ein analytisch-polemischer Versuch

Das große Schweigen
Frauen im Krieg

Als Helferin in der Wehrmacht
Eine paradigmatische Figur des Kriegsendes

Arme Sieger
Die Invaliden des Grossen Vaterländischen Kriege

Erinnerungsorte

Goldene Zeiten des Krieges
Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Ära

Schmerzregulierung
Zur Traumaverarbeitung in der sowjetischen Kriegsliteratur

Leben und Schicksal
Zur Erinnerung an Vasilij Grossmans Roman

Verschüttete Gefühle
Wie die deutschen Schriftsteller den Bombenkrieg bewältigten

Dorothea Redepenning | 281
Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz
Musik gegen Gewalt und Krieg

Bei Vollmond: Holokaust
Genretheoretische Bemerkungen zu einer Dokumentation des ZDF

Kino in Zeiten des Krieges
Visualisierungen von 1941 bis 1945

Ungewöhnliche Perspektiven
Der Zweite Weltkrieg in neueren rußländischen Filmen

Helden und Opfer
Denkmäler in Rußland und Deutschland

Kontinuität und Wandel
Die Denkmäler des Afghanistankrieges

Erinnerungswege

Gerechte Kriege Krieg und Land als ethische Kategorien

Sieg nach Plan
Das Organisationskomitee /Pobeda /und die Folgen

Geschichtsreiniger als Beruf
Das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums

Landkarte der Erinnerung
Jugendliche über den Krieg

Omas und Enkel
Ein anderer Blick auf die Sowjetgeschichte

Niemand und nichts ist vergessen
Die Okkupation in mündlichen Zeugnissen

NS-Zwangsarbeit - 60 Jahre später
Die Arbeit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

Abbildungen | 483

Abstracts | 485
  • Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
  • Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg.
  • 496 Seiten, 37 Abbildungen
  • Berlin (BWV) 2005
    [= Osteuropa 4-6/2005]
  • Preis: 28,00 Euro
  • ISBN: 3-8305-0969-3

Download (PDF-Format)


Wichtig
Sie benötigen den Adobe Reader zum Betrachten der Dokumente. Diesen können Sie kostenlos herunterladen, wenn Sie auf die nachfolgende Grafik klicken.



Editorial
Vergangenheit ist mehr als Geschichte

Gewalt spricht nicht, Gewalt hat kein Gesicht. Wer Aleksandr Dejnekas Bild /Sbityj as /auf der Titelseite betrachtet, wird Zweifel bekommen, ob diese Lehrsätze der modernen Gewaltsoziologie gültig sind. Das Bild /Das abgeschossene Fliegeras /von 1943 zeigt die Gewalt. Sie tritt in mehreren Gestalten auf und bewegt sich auf unterschiedlichen Zeitebenen. Sie war schon da und hat Vernichtung hinterlassen: verbrannte Erde, wohin das Auge blickt; es entdeckt nur einzelne Halme als letztes Indiz, daß hier mal Leben war. Ansonsten Ruinen: Wie liegt die Stadt so wüst. Land und Stadt als Lebensgrundlagen jeder Gesellschaft sind ausgelöscht. Dann ist da am Himmel eine Gewalt, die gerade wirkt und ein Flugzeug zum Absturz bringt. Doch die Gewalt, die noch kommt, unmittelbar, in den nächsten Sekunden, nimmt ein, raubt den Atem, schockiert: Ein Mensch, der noch ist – noch –, rast seinem Tod entgegen. Dynamik, Härte und expressiver Stil kennzeichnen das Werk von Aleksandr Dejneka (1899–1969). Er produzierte die Ikonographie eines totalitären Systems und wurde in der Sowjetunion als einer der wichtigsten Repräsentanten des Sozialistischen Realismus selbst zur Ikone. Doch in Zeiten des Krieges hält eine Bildsprache Einzug, die wenig gemein hat mit jener der ideologischen Vorgaben. Anders als auf Propagandaplakaten ist der abgeschossene deutsche Flieger nicht als „faschistisches Ungeheuer“ gezeichnet; er ähnelt den sozialistischen Helden anderer Bilder. An die Stelle der Utopie der technischen Machbarkeit rückt eine Maschine, von der nichts übrig bleibt als Rauch. Dejneka zeigt das Antlitz des Krieges: die Unausweichlichkeit der individuellen und der kollektiven Gewalt, er zeigt die Zerstörung, den Tod und die Vernichtung. In einer Hinsicht bleibt dieses Bild rätselhaft: Trotz größter Verwüstung fehlen die Opfer. Und es fehlen die Täter. Doch es ist gerade die Erfahrung individueller und kollektiver Gewalt, die von Person zu Person, in der Familie und in der Gesellschaft weitergegeben und interpretiert wird. Es sind Gewalterfahrungen, welche die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg prägen. Sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ebben erinnerungspolitische Konflikte nicht ab, wenn die Angehörigen der sogenannten Erlebnisgeneration sterben. Dies zeigen in Deutschland die Debatten über die Verbrechen der Wehrmacht, die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa nach dem Krieg sowie über den Luftkrieg gegen deutsche Städte. Dies ist kein spezifisch deutsches Phänomen infolge des Nationalsozialismus und des Holocausts. Dasselbe ist in den erinnerungspolitischen Konflikten etwa zwischen Polen und Rußland über den Umgang mit Katyn, wo die Rote Armee 1940 Tausende polnischer Offiziere ermordete, oder zwischen den baltischen Staaten und Rußland zu beobachten, wo im Frühjahr 2005 der Streit darüber eskalierte, ob der 9. Mai ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Unfreiheit sei. Bei all dem geht es weniger um die Bewältigung der Vergangenheit als um Selbstbilder, Identitätsstiftung, gesellschaftliche Integration und politische Mobilisierung. Die Vergangenheit ist daher höchst lebendig. Sie dient primär der Bewältigung der Gegenwart. In seinem einführenden Beitrag zu diesem Heft weist Harald Welzer auf die kategoriale Differenz zwischen Geschichte und Erinnerung hin und betont, daß „Vergangenheit tatsächlich weniger Vergangenes enthält, als man annehmen möchte. Daß es so viele Konkurrenzen, Konflikte und Kämpfe um Vergangenheiten gibt, erklärt sich allein daraus. Wäre die Vergangenheit nur Geschichte, wäre sie gleichsam anästhesiert. Sie würde nicht schmerzen.“ Doch die Vergangenheit tut weh. Deshalb geht es im vorliegenden Heft nicht um einen neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg, nicht um Geschichte in ihrer Faktizität, sondern um eine Vergangenheit, die in Politik, Gesellschaft und Kultur, so etwa in der Musik, der Literatur und der darstellenden Kunst der Nachkriegszeit, die erinnerungspolitisch bis heute währt, verarbeitet und gedeutet wird. Aus Anlaß des 60. Jahrestags des Kriegsendes haben sich Osteuropa und die Moskauer Zeitschrift Neprikosnovennyj zapas zusammengetan, um diese Deutungen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Rußland in ihrem Gehalt und Wandel gegenüberzustellen und die nationalen Erinnerungskulturen zu analysieren. Der Grund, sich beim Vergleich der Erinnerungskulturen auf Rußland und Deutschland zu konzentrieren, liegt in der totalitären Erfahrung, die beide Länder in Form des Stalinismus und des Nationalsozialismus gemeinsam haben. Mit der Beschränkung auf Rußland und Deutschland ist der Verzicht verbunden, die Erinnerung an den Krieg in den Staaten Ostmittel- und Osteuropas systematisch zu untersuchen. Auch die gesonderte Behandlung der Erinnerung an Krieg in der DDR unterbleibt. All dies ist bereits an anderer Stelle geschehen. Eine Ausnahme gibt es: Der kontrastierende Blick, den Vladyslav Hrynevyč auf die „gespaltene Erinnerung“ in der Ukraine wirft, läßt die Spezifika Rußlands deutlicher hervortreten. Die Bedeutung des Stalinismus und des Nationalsozialismus für den Krieg und die sechs Nachkriegsjahrzehnte ist kaum zu überschätzen. Polen und die baltischen Staaten wurden nach dem Hitler-Stalin-Pakt und dem deutschen Überfall auf Polen Opfer der beiden totalitären Systeme. Und für Deutschland gilt: Der Zweite Weltkrieg ist ohne den Nationalsozialismus nicht denkbar, und erst die militärische Eroberung und Besetzung Ostmittel- und Südosteuropas sowie der westlichen Sowjetunion machten die bürokratisch-industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden möglich. Insofern ist die Frage, wie an den Zweiten Weltkrieg erinnert wird, immer auch eine Frage nach dem Stellenwert, den der Holocaust in der Erinnerungskultur hat. Doch überwiegen ungeachtet dieser Gemeinsamkeiten die Unterschiede. Rußland und Deutschland stehen in unterschiedlichen Erinnerungskontexten. Die Wasserscheide, an der sich der offizielle Erinnerungsstrom in Deutschland und Rußland trennt, bleibt der historische Fakt: Das nationalsozialistische Deutschland führte einen Angriffs- und Vernichtungskrieg, die Sowjetunion führte nach 1941 einen Verteidigungskrieg und trug unter den Alliierten die Hauptlast zur Niederschlagung des Nationalsozialismus. Diese fundamentale Differenz hat gewaltige Implikationen. Zugespitzt lautete sie in der Bundesrepublik Deutschland als dem Rechtsnachfolger des „Dritten Reichs“: /Nie wieder Krieg! /Nach einer ersten Phase der Verdrängung kristallisierte sich dieses Motto gemeinsam mit dem zweiten „kategorischen Imperativ“ /Nie wieder Auschwitz! /heraus, ehe beide ab den 1970er Jahren den – wie spätestens der Jugoslawienkrieg zeigte: keineswegs widerspruchsfreien – normativen Grundkonsens allen politischen Handelns in der Bundesrepublik bildeten. Die Zivilisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie der Wandel von der deutschen „Machtbesessenheit“ zur angeblichen „Machtvergessenheit“ gingen damit einher. In der Sowjetunion sicherte der Sieg im Krieg dem Staat und seinen Führern höchste Legitimität: Zugespitzt lautete dort die Devise, die in Rußland bis heute zur Rechtfertigung jedweden Kriegs dient: /Verteidigungskrieg um jeden Preis! /Dieser Preis war die Militarisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, was zur Überdehnung der Großmacht und zu wirtschaftlichem Niedergang führte und so den Zusammenbruch der UdSSR beförderte. Und in dem gleißenden Licht, in das der Krieg als /Großer Vaterländischer Krieg /zuerst von Stalin, vor allem aber vom erstarrenden Sowjetregime unter Leonid Brežnev, gehüllt wurde, blieben die Schattenseiten des Sieges unaufgearbeitet: der Hitler-Stalin-Pakt, die Invaliden und Opfer zweier Diktaturen wie die sowjetischen Kriegsgefangenen, die aus deutschen Lagern befreit wurden, um sich in sowjetischen wiederzufinden, die Tabuisierung des Holocaust und die repressiven, unfreien Regimes, die in Ostmitteleuropa nach der Befreiung durch die Sowjetunion errichtet wurden. Die unaufgearbeiteten Verbrechen des Stalinismus werfen, wie Maria Ferretti zeigt, bis heute lange Schatten. Seit unter Putin der große Staatsscheinwerfer, der nur den Ruhm des Sieges beleuchtet und ins Sakrale erhöht, wieder auf höchste Stufe gestellt ist, drohen auch die kleinen Lichter der individuellen, familialen und gesellschaftlichen Erinnerung an ganz Unheroisches, aber um so Menschlicheres wieder zu verblassen: das Leiden, das Alltagsleben unter der Besatzung und die vielfach gebrochene /conditio humana in tempore belli/. Wie die Beiträge von Irina Pruss, Irina Ščerbakova sowie Žanna Kormina und Sergej Štyrkov zeigen, gibt es jedoch dieses kollektive Gedächtnis an den Krieg eigener Art. Dagegen ist der offizielle Diskurs, die /Meistererzählung /über den Krieg, nach einer vorübergehenden Erschütterung während der Perestrojka und der ersten Jahre des postsowjetischen Rußlands von Kontinuität geprägt. Der Mythos vom /Großen Vaterländischen Krieg/, wie wir ihm heute begegnen, ist ein Produkt der Brežnev-Zeit: Er hatte die Funktion, der schwindenden Legitimität der sowjetischen Ordnung eine neue Basis zu verschaffen. Wie Lev Gudkov demonstriert, hat die Erinnerung an den Krieg im Putinschen Rußland wieder die Funktion, die zentralisierte Herrschaft zu stabilisieren und Legitimation zu stiften. Dies fügt sich ein in eine allgemeine posttotalitäre Traditionalisierung von Kultur und Gesellschaft. Doch anders als noch vor dreißig Jahren findet sie im Rahmen einer Europäisierung und Universalisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust statt. Erinnerungskonkurrenzen werden internationalisiert. Soll die neue Erinnerungslandschaft nicht einer Wüste gleichen, in der allenfalls diplomatische Worthülsen wachsen, bedarf es eines gesellschaftlichen Dialogs. Die /Klaus Mehnert-Gedächtnis-Stiftung/, Stuttgart, hat das aufwendige Unterfangen, die deutsch-russischen Sprachbarrieren zu überwinden, dankenswerterweise unterstützt. Dieses Heft ist das zweite gemeinsame Projekt von Osteuropa und Neprikosnovennyj zapas und erscheint gleichzeitig in einer deutschen und einer russischen Version. Möge es einen Beitrag zur Vertiefung des europäischen Dialogs leisten.
Mischa Gabowitsch, Il’ja Kalinin, Irina Prochorova, Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anton Zolotov


Harald Welzer
Die Gegenwart der Vergangenheit
Geschichte als Arena der Politik

Geschichte und Erinnerung sind grundverschiedene Dinge. Geschichtsschreibungist fakten- und wahrheitsorientiert, Erinnerung dagegen immeridentitätskonkret. So dient das Gedenken nicht der Aufklärung über dieVergangenheit, sondern der Gegenwartsbewältigung. Da die Generation,deren prägende Kindheits- und Jugenderfahrungen in die Zeit des ZweitenWeltkriegs fielen, heute die Bilanz ihres Lebens zieht, erleben wir einenBoom der Erinnerungsliteratur. Gleichzeitig ist die Erinnerungspolitik zu einemzentralen politischen Thema geworden. Die Vergangenheit ist mithinauf der Ebene der Gefühle, der Identität und der politischen Orientierungenhöchst lebendig – aber eben nicht als Geschichte in ihrer Faktizität,sondern als gedeutete Vergangenheit, deren Sinn sich an den wahrgenommenenErfordernissen der Gegenwart orientiert.


Aleksandr Boroznjak
Erinnerungsschübe
Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik

Lassen sich aus dem deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit Lehrenfür Rußland ziehen? Alles scheint dagegen zu sprechen. Doch liegtdieser Einschätzung zumeist ein falsches, lineares Bild der Vergangenheitsbewältigungin der Bundesrepublik zugrunde. Tatsächlich bedurfte eszweier Jahrzehnte und einer neuen Generation, bis die Aufarbeitung desNS-Regimes und seiner Verbrechen ernsthaft begann. Das Bekenntnis zurSchuld war immer von dem gegenläufigen Versuch begleitet, das „DritteReich“ zu historisieren, den deutschen Umgang mit der Geschichte zu„normalisieren“. Ungeachtet des mit großem zivilgesellschaftlichen Einsatzerzielten Schuldbekenntnisses scheint sich mit dem Ende der DDR unddem Abtreten jener Generation, welche die NS-Zeit selbst erlebt hat, sogarein neues gesellschaftliches Geschichtsbewußtsein durchzusetzen, dasvon der Gleichsetzung der „beiden Totalitarismen“ und der Selbstwahrnehmungals Opfer geprägt ist.


Helmut König
Vom Beschweigen zum Erinnern
Shoah und 2. Weltkrieg im politischen Bewußtsein der BRD

Die Abgrenzung zum NS-Regime sowie die Bereitschaft, die Verantwortungfür dessen Verbrechen zu übernehmen, bildet das politisch-moralischeFundament, auf dem die Bundesrepublik aufgebaut ist. Was heuteals Selbstverständlichkeit erscheint, entstand keineswegs bereits in derGründungsphase des westdeutschen Staates. Zwei Jahrzehnte beschwiegdie westdeutsche Gesellschaft die Verbrechen und exkulpierte die Täter,indem sie sich ausschließlich als Opfer eines Krieges wahrnahm, nachdessen Ursachen sie nicht fragte. Erst ab Mitte der 1960er Jahre rücktenschrittweise der Mord an den europäischen Juden und schließlich auch dieVerbrechen der Wehrmacht ins öffentliche Bewußtsein. Erst dies ermöglichte,daß Deutschland heute einen gleichberechtigten Platz in Europaeinnimmt und auch deutscher Opfer gedacht werden kann.


Maria Ferretti
Unversöhnliche Erinnerung
Krieg, Stalinismus und die Schatten des Patriotismus

Die Erinnerung an den Krieg ist in Rußland untrennbar mit dem Stalinismusverbunden. Der Kampf gegen den nationalsozialistischen Feindführte zur Unterdrückung der Freiheit im eigenen Land. Befreiung undUnfreiheit sind unauflöslich verflochten. Die Reduktion der Kriegserinnerungauf die nationalistische, patriotische Komponente wurde unter Stalinkanonisiert. Nicht nur in der Rede vom vaterländischen Krieg wirktdiese Form der Erinnerung bis heute fort. Sie verstellt den Blick auf denGeist der Freiheit, der das Handeln von frontoviki und Partisanen beseelteund auch das Handeln der Alliierten bestimmte. Die Befreiung der Erinnerungvon den Stalinschen Fesseln ist die Voraussetzung dafür, inRußland wie in Westeuropa dieselben Freiheitswerte zu vermitteln, diesich von der Erinnerung an den Krieg nicht trennen lassen.


Lev Gudkov
Die Fesseln des Sieges
Rußlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg

Der Sieg im Krieg, dem Großen Vaterländischen Krieg, ist das wichtigsteIdentifikationssymbol in Rußland. Er ist die einzige positive Stütze fürdas nationale Selbstbewußtsein der Gesellschaft. Der Sieg im Krieg legitimiertim nachhinein das sowjetische totalitäre Regime. Die Erinnerungan die Stalinschen Repressionen verblaßt, vielmehr beurteilt die öffentlicheMeinung Stalin zunehmend positiv. Bis heute wirkt das Tabu, dieKehrseiten des Sieges aufzuarbeiten. Daß die Russen in Zeiten desKrieges und des Ausnahmezustands ihren „Nationalcharakter“ offenbaren,ist zur Norm der symbolischen Identität geworden. Die Erinnerungan den Krieg nützt vor allem der Legitimation der zentralisierten und repressivensozialen Ordnung. Sie ist in die allgemeine posttotalitäre Traditionalisierungvon Kultur und Gesellschaft unter Putin eingefügt.


Andreas Langenohl
Staatsbesuche
Internationalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Rußland und Deutschland

Gedenkveranstaltungen der Jahre 2004 und 2005 zeigen, daß die Internationalisierungdes Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg in vollem Gangeist. Sie findet jedoch im Rahmen nationaler Erinnerungskulturen statt. Dierußländischen und deutschen Reaktionen auf den 60. Jahrestag des D-Dayin der Normandie illustrieren, daß ein internationalisiertes Gedenken unterschiedlicheImplikationen hat. Während in Deutschland das traditionelleGedenkparadigma zur Disposition steht, nach dem die nationalsozialistischenVerbrechen negativer Bezugspunkt jeder Politik sind, wird in Rußlanddie Sorge laut, die Internationalisierung des Gedenkens könnte dieMonumentalität der sowjetischen Opfer und die Bedeutung des eigenenBeitrags zum Sieg über Nazideutschland schmälern.


Vladyslav Hrynevyč
Gespaltene Erinnerung
Der Zweite Weltkrieg im ukrainischen Gedenken

Wie in den meisten ostmitteleuropäischen Ländern setzte auch in der Ukrainenach dem Sturz der kommunistischen Regime eine kardinale Umwertungder Vergangenheit ein. Doch ist in der Ukraine die Geschichtsdeutungheftiger umstritten. Gerade das Thema „Großer VaterländischerKrieg“ steht seit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine im August1991 im Zentrum heftiger öffentlicher Debatten. In diesen dreht es sich umdie Schaffung einer neuen „ukrainischen Idee“ und damit auch um diedauerhafte europapolitische Verortung der Ukraine im Westen oder im Osten.Der Zweite Weltkrieg ist somit im historischen Gedächtnis der Ukrainernoch immer die zentrale politische und mentale Wasserscheide.


Jörg Echternkamp
Die „deutsche Katastrophe“?
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland

Die Kriegserfahrungen stellten die Weichen für die öffentliche Erinnerungan den Zweiten Weltkrieg nach 1945. Nach der kritischen Konfrontationmit der Vergangenheit in der frühen Besatzungszeit sahen sich die meistenDeutschen vorrangig als Opfer des Krieges. Während in der DDR dieöffentliche Erinnerung durch das marxistisch-leninistische Geschichtsbildgeprägt war, zeigen das Ringen um die Beurteilung des militärischenWiderstandes sowie des 8. Mai 1945 den langwierigen Wandel kulturellkodifizierter Erinnerung in der pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik.60 Jahre nach dem Kriegsende gibt die Frage nach dessen historischemStellenwert, der ein Wendepunkt deutscher Geschichte ist, überalldort Anlaß zur Debatte, wo die Einsicht in den Zusammenhangvon Freiheit und Befreiung schwer fällt.


Joachim Hösler
Aufarbeitung der Vergangenheit?
Der Große Vaterländische Krieg in der Historiographie der UdSSR und Rußlands

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Großen VaterländischenKrieges in der UdSSR und seit 1991 in Rußland vollzog sichin fünf Phasen: Bis 1953 bestimmte Stalin, was zu sagen und zu schreibenwar. Unter Chruščev blieb unentschieden, ob die Forschung den Anregungenseiner Parteitagsrede vom Februar 1956 oder dem apologetischenZK-Beschluß vom Juni 1956 wird folgen müssen. Von der Mitteder 1960er bis zur Mitte der 1980er Jahre dominierte Schönfärberei, diedem Nachweis der „Überlegenheit des Sozialismus“ diente und eingebettetwurde in eine Siegesikonographie, die den Mythos des „HeiligenKrieges“ pflegte. In der Perestrojka war der Krieg das erste, aufwühlendsteund schwierigste Thema. Seit 1991 ist es das einzige der sowjetischenGeschichte, das – positiv besetzt – integraler Bestandteil des affirmativenGeschichtsbildes geblieben ist.


Wolfram Wette
Hitlers Wehrmacht
Etappen der Auseinandersetzung mit einer Legende

Bis 1995, über ein halbes Jahrhundert lang, war das Bild im wesentlichenein positives, das sich die Deutschen, zumindest die in der Bundesrepublik,von der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus und des ZweitenWeltkrieges machten. Es war von der Vorstellung geprägt, daß die SSfür die Judenmorde und andere Verbrechen verantwortlich gewesen, dieWehrmacht dagegen „sauber“ geblieben sei. Der Beitrag behandelt, wiesich diese Legende durchsetzen konnte und welcher Anstrengungen esseitens der kritischen Forschung und der Öffentlichkeit bedurfte, damit sichim letzten Jahrzehnt eine realistischere Betrachtung durchsetzen konnte.Inzwischen hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die Wehrmachtin der Sowjetunion einen völkerrechtswidrigen Vernichtungskrieg führte.


Jörg Ganzenmüller
Nebenkriegsschauplatz der Erinnerung
Die Blockade Leningrads im Gedächtnis der Deutschen

Infolge der deutschen Belagerung Leningrads starb rund eine Million Menschen.Anders als Stalingrad spielte das Thema in der deutschen Erinnerungüber Jahrzehnte kaum eine Rolle. Es dominierten andere Narrative:in der Bundesrepublik das vom sauberen Krieg der Wehrmacht, deren„Blitzkrieg“ vor Leningrad scheiterte und die zur Belagerung als vermeintlich„unbestrittene Methode der Kriegführung“ griff; in der DDR wurde dasLeid der Bevölkerung zwar erwähnt, doch dem sowjetischen Heldennarrativuntergeordnet. Leningrad wurde so zum Symbol im Klassenkampf zwischenSowjetmacht und Großkapital. Eine Geschichte, die der Opfer gedachte,wurde selten erzählt. Erst in jüngster Zeit findet die Blockade Leningradsihren Platz im deutschen Gedächtnis.


Il’ja Al’tman
Shoah: Gedenken verboten!
Der weite Weg vom Sowjettabu zur Erinnerung

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Dieses Motto bringt die sowjetischeErinnerung an die Judenvernichtung auf den Punkt: Sie währte nurso lange, wie sie sich für den Sieg im Krieg verwenden ließ. Spätestensmit dem Beginn der antijüdischen Prozesse 1948 war es unmöglich, derJuden als einer speziellen Gruppe unter den Kriegsopfern zu gedenken.Die Arbeit am Schwarzbuch über die Vernichtung der Juden wurde gestoppt.Erst mit dem Tauwetter gelang es, in der Literatur und im Filmdas Schweigen zu „versilbern“. Seit der Perestrojka und nach dem Zerfallder UdSSR fand das Thema den Weg in die Öffentlichkeit. Doch seinenPlatz in Rußlands Erinnerungskultur hat es noch nicht gefunden.


Michail Ryklin
Deutscher auf Abruf
Vom Schwarzbuch zur Jungen Garde

Von 1944–1947 entstand unter der Ägide der KPdSU das Schwarzbuchüber den Völkermord an den Juden. Ziel sollte es sein, die deutschenVerbrechen auf sowjetischem und angrenzendem Territorium zu dokumentieren.Doch im Spätstalinismus galt diese Dokumentation plötzlich alsideologisch schädlich. Sie wurde nicht mehr veröffentlicht, die Vernichtungvon Millionen Juden in der UdSSR in der Folge verschwiegen. Fast gleichzeitigverfaßte Aleksandr Fadeev Die Junge Garde. Dieses Buch mit halbdokumentarischemAnspruch handelt vom Kampf der Komsomolzen gegendie deutsche Besatzung. Das Bild der Deutschen in beiden Werken istaufschlußreich in der Interaktion mit denen, gegen die sie kämpften, diesie vernichteten und die ihnen Widerstand leisteten. Es handelt sich umzwei konkurrierende Projekte, von denen in der totalitären Gesellschaft eineskanonisiert und das andere tabuisiert wurde.


Richard Chaim Schneider
Deutsche Vergangenheitsbewältigungsrituale
Die Rückkehr der toten Juden und das Verschwinden der lebenden Juden: Ein analytisch-polemischer Versuch

Der Holocaust ist omnipräsent im deutschen politischen Alltag, solangedas Erinnern nichts kostet außer Geld für prestigeträchtige Mahnmale.Gilt es aber, Mut zu zeigen und gegen die Verwandlung der Juden inStatisten leerer Gedenkrituale oder gar gegen die neue politische Verwertbarkeitantisemitisch gefärbter Parolen Einspruch zu erheben, versiegendie salbungsvollen Worte. Schlimmer noch: Je mehr sich dieDeutschen wieder als Opfer des Zweiten Weltkriegs sehen, desto mehrgeraten die real existierenden Juden in Deutschland zu Störenfrieden,die durch ihre bloße Anwesenheit den Deutschen die Deutungshoheitüber die Jahre 1939–1945 streitig machen.


Ol’ga Nikonova
Das große Schweigen
Frauen im Krieg

Sie kamen, sahen, siegten – und wurden vergessen. Etwa 800 000 Frauennahmen auf sowjetischer Seite an den Kampfhandlungen teil. Sie kamenals Zwangsrekrutierte oder Freiwillige in die Armee, die auf Frauennicht vorbereitet war; sie kämpften den Männern gleich, was dem späterenMythos von der im Hinterland wartenden Ehefrau widersprach, und siebehielten im Gedächtnis, was in die offizielle Kriegsgeschichtsschreibungnicht paßte. So wurden sie zum Störfaktor der offiziellen Erinnerung.


Franka Maubach
Als Helferin in der Wehrmacht
Eine paradigmatische Figur des Kriegsendes

Die Figur der Flakhelferin wird in der geschichtsinteressierten Öffentlichkeitoft verwendet, um das Spezifische des Kriegsendes 1944/45 in ein griffigesBild zu bringen: In letzte, sinnlose Einsätze gezwungene Frauen stehendurch ihren zivil-militärischen Zwitterstatus für die Totalisierung desKrieges und repräsentieren die Niederlage. Die Erinnerungen der Helferinnenzeigen das Kriegsende als außergeschichtlichen Zustand und variierenden intellektuellen Entwurf eines Posthistoire. Indem die Helferinnendiese Endzeiterfahrung persiflieren und eigensinnig entlarven, eröffnen ihreErinnerungen an Einsätze und Odysseen zurück nach Hause gleichzeitigeinen Weg aus dem Kriegsende zurück in die Geschichte.


Beate Fieseler
Arme Sieger
Die Invaliden des „Großen Vaterländischen Krieges“

Die Historiographie in Rußland hat die Frage nach dem sozialen Erbedes Großen Vaterländischen Krieges bisher kaum gestreift. Wie jetzt zugänglicheArchivalien belegen, waren die Kriegsversehrten einer rigorosenstaatlichen Mobilisierungspolitik unterworfen, die sie trotz unzureichenderUmschulungsmöglichkeiten und fehlender Versorgung mit medizinischenHilfsmitteln zur Rückkehr ins Erwerbsleben zwang. Trotz beeindruckenderWiedereingliederungszahlen war die berufliche Reintegrationfür viele mit beruflichem und sozialem Abstieg verbunden.


Boris Dubin
Goldene Zeiten des Krieges
Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Ära

Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ist in Rußland zum zentralenSymbol der kollektiven Erinnerung geworden. Nur scheinbar wird jedochdes Krieges gedacht. Tatsächlich handelt es sich um eine Sehnsucht nachder Brežnev-Zeit. Diese Ära, in der die heroischen, von jeglichem Leid gesäubertenVorstellungen von diesem Krieg geschaffen wurden, gilt nacheinem Jahrzehnt des sozialen Niedergangs als goldene Zeit materiellenWohlstands und nationalen Ruhms. Dieses Bild greift heute eine neueGeneration auf und paßt es den aktuellen Bedürfnissen an. Wie die alteRepräsentation des Krieges im kollektiven Gedächtnis basiert auch dieneue Erinnerung auf Großmachtphantasien, sozialer Passivität und Isolationismus,den Ingredienzien autoritärer Regime.


Il’ja Kukulin
Schmerzregulierung
Zur Traumaverarbeitung in der sowjetischen Kriegsliteratur

Die Geschichte des Kriegsthemas in der sowjetischen Literatur ist eineGeschichte der Verdrängung der existentiellen Verstörung, welche dieGrenzerfahrung des Kriegs hervorgerufen hatte. Die Beschreibung emotionalenund körperlichen Leids, die in den 1930er Jahren der Zensur unterlag,wurde hingegen durch den Krieg möglich gemacht und schrittweisein die Literatur übernommen. Während die von der Zensur genehmigte,aber gleichwohl inoffizielle Literatur versuchte, das Trauma des Kriegs als solches zu thematisieren, wob die offizielle Literatur der Brežnev-Zeit aus den leidvollen Erfahrungen der Kriegsgeneration einenneuen sowjetischen Legitimationsmythos. Nur jene Literatur, die keineChance hatte, die Zensur zu passieren, drückte eine existentielle Verunsicherungaus, welche die sowjetische Identität untergrub. An ihre Themenund ihre Ästhetik knüpft die Kriegsliteratur der 1990er Jahre an.


Klaus Städtke
Leben und Schicksal
Zur Erinnerung an Vasilij Grossmans Roman

2005 jährt sich Vasilij Grossmans Geburtstag zum hundertsten Mal. 28Jahre dauerte der Weg seines Romans Leben und Schicksal an die Öffentlichkeit.Trotz der Liberalisierung der Kulturpolitik in der Tauwetterperiodein der Sowjetunion von 1956 bis Anfang der 1960er Jahre wurdenGedanken von der Übereinstimmung des stalinistischen und des nationalsozialistischenSystems sowie vom absoluten Stellenwert der individuellenFreiheit nicht geduldet. 60 Jahre nach dem Sieg über das nationalsozialistischeDeutschland sind sie wieder aktuell.


Volker Hage
Verschüttete Gefühle
Wie die deutschen Schriftsteller den Bombenkrieg bewältigten

War die Zerstörung deutscher Großstädte durch alliierte Bomber im Zweiten Weltkrieg für die deutsche Literatur über fünfzig Jahre lang kein Thema?Jedenfalls widmete sich kein einziger großer Roman der deutschenNachkriegsliteratur dem Bombenkrieg. Während des Ost-West-Konfliktswurde der Nachhall der Bomben vom antizipierten Knall „der Bombe“ übertönt.Allerdings durchzogen die Kriegserlebnisse die Werke all jenerSchriftsteller, die als Kinder den Bombenhagel im Luftschutzkeller erlebten.Erst als in Europa erneut Bomben auf – jugoslawische – Städte fielen,wurde das Thema wieder aktuell: Der Kosovo-Krieg und die Debatte umW.G. Sebalds Kritik an der Tabuisierung des Luftkriegs schärften denBlick. Auch wenn heute offener und mehr über den Luftkrieg geschriebenwird, revidiert kein ernstzunehmender deutscher Autor die Schuldfrage.


Hanno Loewy
Bei Vollmond: Holokaust
Genretheoretische Bemerkungen zu einer Dokumentation des ZDF

Die Geschichtsredaktion des ZDF unter Leitung von Guido Knopp produziertDokumentationen über den Nationalsozialismus und den ZweitenWeltkrieg. Sie stoßen auf große Zuschauerresonanz. Für die Folgen vonHolokaust zur Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden unternahmendie Produzenten beispiellose Anstrengungen. Das Ergebnisist eine sorgfältig recherchierte Geschichtsdokumentation. Doch Holokaustist vor allem ein Drama: eine hochgradig synthetisierte und homogenisierteGeschichte, die einem klaren Plot folgt, dem die verwendetenMaterialien bedingungslos untergeordnet werden, bei aller historischerKorrektheit im Detail: Holokaust soll eine tragische Geschichte erzählen,oder das, was in einem Horrorfilm an „Tragischem“ möglich ist: Geschichtenvon verstrickten, schuldlos-schuldigen Menschen, vomSchicksal geschlagen, verführt oder traumatisiert von einem Dämon, deraus Menschen Unmenschen gemacht hat. Der Preis ist eine Homogenisierungvon Tätern und Opfern.


Neja Zorkaja
Kino in Zeiten des Krieges
Visualisierungen von 1941 bis 1945

Das Kino ist ein Spiegel der Realität. Die Filme, die von 1941 bis 1945entstanden, wurden lange als Agitation und reine Propaganda interpretiert.Dabei handelt es sich um eine Fehldeutung. Die kinematographischreflektierte Dynamik und Bildsprache dieser Zeit nehmen das Kino derTauwetterperiode, den Aufbruch der 1960er Jahre voraus. Die Filme derKriegszeit lassen einen Riß im monolithischen ästhetischen System desSowjetkinos im Stalinismus erkennen. Unter dem direkten Einfluß derKriegswirklichkeit entsteht ein anderes Kino. Tränen, Leiden, Angst undErniedrigung finden Eingang ins Filmbild. Der Krieg gab der Kunst größereFreiheit – eine tragische Paradoxie der Zeit.


Isabelle de Keghel
Ungewöhnliche Perspektiven
Der Zweite Weltkrieg in neueren rußländischen Filmen

Anläßlich des 60. Jahrestages des Sieges im Großen VaterländischenKrieg dominiert in Rußland der „heroische Diskurs“. Daneben existierenjedoch auch andere, erstaunlich vielschichtige Sichtweisen des Krieges.Der Beitrag stellt diese im Westen wenig bekannten Perspektiven anhandneuerer rußländischer Filme vor. Im Mittelpunkt steht dabei dervielfach prämierte Film Svoi (Die Unsrigen) von Dmitrij Meschiev.


Natal’ja Konradova, Anna Ryleva
Helden und Opfer
Denkmäler in Rußland und Deutschland

Denkmäler geben Auskunft über kollektive Erinnerung und nationale Geschichtsbilder.Privat errichtete Denkmäler dienen dem Gedenken anAngehörige. Staatliche Denkmäler, die sich einer formelhaften Sprachebedienen, haben weitere Funktionen. Seit der Antike dienen sie der Verherrlichungdes Staates, der Festigung der Macht und der Stiftung vonGemeinschaftsgefühl. Die Denkmäler des Großen Vaterländischen Kriegesin Rußland zeigen, wie sich die Gedenkpraxis verschiebt: Das individuelleGedenken der Opfer in der Nachkriegszeit weicht dem verstaatlichtenGedenken, das von Normierung, Ideologisierung und Heroisierunggekennzeichnet ist. Heute stehen traditionelle und neue Formenund Aussagen nebeneinander: Pathos und Heroik neben dem Stillen undder Akzentuierung der Opfer. Ein Seitenblick auf die Gedenkpraxis undDenkmalspolitik in Deutschland zeigt, daß nach dem Dritten Reich eineAmnesie herrschte und heute primär der Opfer gedacht wird.


Natalija Danilova
Kontinuität und Wandel
Die Denkmäler des Afghanistankrieges

Neben die Erinnerung an den Zweiten Krieg ist in Rußlands öffentlichemRaum das Gedenken an den Afghanistankrieg getreten. Hunderte vonDenkmälern für die dort Gefallenen bieten Anschauung, wie sich die Erinnerungskulturverändert. Drei Typen von Mahnmalen lassen sich unterscheiden.Denkmäler, die von Veteranen im Bewußtsein errichtetworden sind, nach Afghanistan geschickt und vom Staat verraten wordenzu sein, sind frei von staatlicher oder nationaler Symbolik. Die Formensprachebetont Trauer um die Kameraden. Der zweite Typ sind religiösaufgeladene Denkmäler. Sie betonen das Motiv der Reue. Gleichzeitigspiegeln sie die patriotische Wende und die veränderte Stellung der russisch-orthodoxen Kirche ab Mitte der 1990er Jahre wider. Denkmäler,welche die traditionelle sowjetische Form der Erinnerung reproduzieren,verkörpern das dritte Deutungsfeld. In ihrer Monumentalität und Symbolikschlagen sie eine Brücke vom Großen Vaterländischen Krieg zumTod in Afghanistan.


Aleksej Levinson
Gerechte Kriege
Krieg und Land als ethische Kategorien

Das Urteil von Rußlands öffentlicher Meinung lautet: Der Große VaterländischeKrieg war ein gerechtfertigter Krieg. Alle anderen Kriege desvergangenen Jahrhunderts, darunter auch die in Afghanistan und inTschetschenien, gelten als nicht gerechtfertigt. Darin kommt nicht nur diea priori höhere Legitimität des Verteidigungskrieges zum Ausdruck, sondernauch, daß die Bevölkerung in Rußland Kriege ungewöhnlich starkvon der Position der Territorialität aus beurteilt. Hierbei handelt es sichum eine imperiale Denktradition. Raum ist die wichtigste Ressource einesImperiums. Krieg gilt dann als gerechtfertigt, wenn er um Raum geführtwird und die „Anhäufung von Land“ fortsetzt.


Pavel Poljan
Sieg nach Plan
Das Organisationskomitee Pobeda und die Folgen

Der 60. Jahrestag des Siegs im Krieg ist eine Herausforderung. Sie bewältigtdie Bürokratie. Per Erlaß setzte Präsident Putin im Jahr 2000 das OrganisationskomiteePobeda (Sieg) ein. Die Zusammensetzung des Komitees,seine Arbeit und die Ergebnisse spiegeln die Realität, die sich in Rußland inden letzten Jahren herausgebildet hat. Einige Konflikte und Beschlüsse atmenden Geist der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee.


Georgij Ramazašvili
Geschichtsreinigung als Beruf
Das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums

Geschichte ist Macht. Über den Zugang zu dieser Macht entscheidet der,der über den Schlüssel zu den Archiven verfügt, ohne die keine Geschichtegeschrieben werden kann. Einer der Gralshüter der Geschichtedes Großen Vaterländischen Kriegs ist in Rußland das Verteidigungsministerium.Zwar gibt es ein Archivgesetz, doch das kümmert das Zentralarchivdes Verteidigungsministeriums wenig. Das Verhalten, das seineMitarbeiter gegenüber Historikern an den Tag legen, grenzt an Sabotage.Sabotiert wird die Aufklärung über das, was wirklich 1941–1945 geschah.Wen mag es da wundern, daß die Mythen über den Krieg auchsechzig Jahre nach seinem Ende sprießen und die Historiker ihnen wenigentgegenzusetzen haben.


Irina Ščerbakova
Landkarte der Erinnerung
Jugendliche berichten über den Krieg

1999 rief MEMORIAL einen Geschichtswettbewerb für Oberschüler ins Leben.In den 15 000 seither eingegangen Arbeiten spielt der Große VaterländischeKrieg eine wichtige Rolle. In der Regel geben die Beiträge derJugendlichen das wieder, was die gewöhnliche bäuerliche Familienbiographiedarstellt: Junge Bauern wurden eingezogen, gingen fort, ihreschwere Pflicht zu erfüllen, schafften es mit Glück, ein, zwei unbeholfeneBriefe zu schreiben und fanden den Tod. Die Erinnerungen an den Kriegstammen von Großmüttern und Urgroßmüttern. Die aufgeschriebenenErzählungen der Jugendlichen bieten ein einmaliges Bild über den Alltagim Hinterland des Krieges. Sie zeigen auch, daß sich die Erinnerungenregional und ethnisch unterscheiden. Assoziieren die einen mit demKrieg die Besatzung, so war er für andere verbunden mit Deportationund für dritte mit Evakuation. Jede Form bietet aber Anreiz zur Reflexion,zum Nachdenken und zur Erinnerung.


Irina Pruss
Omas und Enkel
Ein anderer Blick auf die Sowjetgeschichte

In der offiziellen Geschichtsschreibung der UdSSR hatten das Leiden,die Erniedrigung und die Gewalt, die die Menschen durchleben mußten,keinen Raum. Erst in der Perestrojka kam Bewegung in das manipulierteGeschichtsbild. Doch bis heute halten sich alte Stereotypen. Ein Geschichtswettbewerbder Organisation Memorial hat einen anderen Blickauf die sowjetische Geschichte zutage gefördert. Junge Menschenschreiben auf, was ihre Großeltern und Zeitzeugen von damals zu berichtenhaben. Es ist die Geschichte der kleinen Leute, der Zeitzeugenvon Kollektivierung, Repressionen und dem Großen VaterländischenKrieg, der in den Darstellungen des einfachen Soldaten an Größe verliert.Aus den Tausenden von Erzählungen und Aufsätzen entsteht einkollektives Gedächtnis eigener Art.


Žanna Kormina, Sergej Štyrkov
Niemand und nichts ist vergessen
Die Okkupation in mündlichen Zeugnissen

Die Oral History eröffnet andere Einsichten in den Kriegsalltag alsdie staatlich kanonisierte Meistererzählung der Kriegsgeschichte. Menschenaus einem Dorf im Gebiet Pskov erzählen von der deutschen Besatzung,von Partisanen und einer Massenerschießung. Das Erinnertebezieht sich auf einzelne Fälle. Moralische Wertungen werden nur aufdieser Grundlage über Bekanntes und Erlebtes gefällt. Dadurch werdendie aus den Meisterzählungen vertrauten Stereotypen, normativen Urteileund Dichotomien wie Freund–Feind oder Gut–Böse brüchig. Die Weitergabedes Erlebten läßt lokale Erinnerungsgemeinschaften entstehen,die aus der Geschichte Identität schöpfen.


Gabriele Freitag
NS-Zwangsarbeit – 60 Jahre später
Die Arbeit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

Nachdem das Schicksal ehemaliger NS-Zwangsarbeiter in Deutschlandjahrzehntelang kaum Aufmerksamkeit genossen hatte, wurde im Jahr2000 mit Mitteln des Bundes und der deutschen Wirtschaft die Stiftung„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ eingerichtet. Der größte Teil ihresKapitals ist für individuelle Leistungen an diese Opfergruppe vorgesehen.1,6 Millionen Empfänger haben bisher Zahlungen in Höhe von4 Milliarden Euro erhalten.


Aktuelles Heft  Archiv  Bestellen  DGO  Pressestimmen  Über OSTEUROPA  Impressum